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Kai Althoff

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Bekehrung , 2002

50cm x 70cm x 8cm
Bootslack, Papier auf Leinwand, Firnis, 50 x 70 x 8 cm
Privatsammlung, Los Angeles, Foto: Simon Vogel. © Kai Althoff
 
Menschenfischer

Die Bildszene könnte sich in einem Großstadtpark abspielen. Breite Wege mit flachen Treppen, eine Rollstuhlrampe sowie ein mit einer Mauer begrenzter Grünbereich sind zu erkennen. Ein warmes Rotbraun beherrscht das Bild und lässt den Weg übergangslos in den Hintergrund führen. Was das wohl zu bedeuten hat? Ob da der Himmel auf die menschlichen Wege „ausläuft“ und versucht die Menschen in ihrer Eile zu erreichen?

Alle scheinen sich abzuwenden und eher davonzulaufen. Außer dem einen Mann, der auf dem Mäuerchen sitzt. Die Aktentasche neben sich gestellt, lehnt er sich entspannt zurück und streckt lässig sein linkes Bein vor. Die Ärmel seines Hemdes sind hochgerollt, die Arbeit scheint getan zu sein. Gedankenverloren schaut er um sich, gar nicht merkend, wie von hinten einer ein Netz über ihn wirft. Der “Menschenfischer” kann nur Jesus sein, der zu seinen ersten Jüngern gesagt hat: „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen!“ (Mt 4,19)

Hier bekommt ein Mensch eine neue Aufgabe. Mitten im Alltag. Eine Aufgabe von Gott! Den göttlichen Auftrag, wie Er zu handeln. Familie und Beruf aufzugeben und der Berufung nachzugehen (vgl. 4,22), allen Zeugnis abzulegen von der wirkmächtigen Gegenwart des dreieinigen Gottes (vgl. Joh 14,15-21)

Es sieht aus, als würde Jesus den Mann von hinten überraschen. Das kann sein. Doch kann ich mir auch vorstellen, dass der Künstler damit andeuten möchte, dass es sich mehr um ein inneres Geschehen als um ein äußeres handelt. Die „Träumereien“ wären dann als eine tiefe Einsicht ins Herz zu interpretieren, aus der die Erkenntnis hervorgeht, von Ihm angesprochen zu sein und einen Auftrag erhalten zu haben.

Drehen die Menschen im Vordergrund deswegen von Ihm ab, weil sie nicht angesprochen werden, keine tiefen Einsichten machen wollen? Oder haben sie bereits eine Aufgabe erhalten, sich etwa der Rollstuhlfahrerin anzunehmen? Weint die alte Frau, weil sie von Jesus weggeschoben wird oder weil sie von Ihm im Innersten berührt worden ist?

Ich tendiere in beiden Fällen aufgrund von kleinen gemalten Hinweisen auf eine Bekehrung (wie auch der Maler das Bild betitelt), auf eine Umkehr durch ein tieferes gnadenhaftes Verstehen. Die beiden Männer sehen eher nach jugendlichen Raufbolden aus, denn einer trägt am linken Auge ein „Veilchen“! Aus Gewalttätigen sind Sanftmütige geworden, auch wenn sie sich noch etwas unbeholfen der Rollstuhlfahrerin annehmen.

Auch mit der alten Frau scheint etwas Bewegendes geschehen zu sein, dass sie so herzzerreißend weint. Sind es Tränen der Reue über so manches falsch Gedachte und Gemachte? Noch hält sie einen Zigarettenstummel in ihrer Hand. Ob ihre Invalidität damit zusammenhängt und sie sich eben der Schuld bewusst geworden ist?

Wir wissen es nicht. Ratlosigkeit ist auch beim engelsgleichen Wesen auf der Treppe zu beobachten. Beinahe trotzig sitzt er breitbeinig und den Kopf in geballte Fäuste aufstützend. Eigentlich müsste er sich doch freuen, wenn Menschen sich bekehren. Oder ist er ähnlich wie Jonas nach der Bekehrung von Ninive einfach sauer (Jon 4), weil sich die Menschen bekehrt haben und zu Gott und damit zu ihrem Heil gefunden haben?

Doch was soll die gerade von rechts ins Bild hereinschreitende Frauengestalt zu bedeuten haben? Der Maler hat ihren nackten Körper nur flüchtig gemalt, teilweise nur angedeutet. Sie ist in der Farbe des Hintergrundes gemalt, als wäre sie ganz erfüllt von der „himmlischen“ Farbe. Sie hat nichts zu verbergen und braucht keine Bekehrung. In ihrer lichten Jugendlichkeit und erfüllten Beweglichkeit bildet sie einen Gegensatz zur alten Frau im Rollstuhl, die sich mit ihrer schwarzen Körperfarbe nur durch den Rollstuhl und den Helfer vom Hintergrund abhebt.

Das Bild gibt mir mit den verschiedenen Stadien der Bekehrung zu denken. Jesus ist als Menschenfischer in unserem Alltag! In welcher Gestalt finde ich mich am ehesten wieder?

Patrik Scherrer / 17.02.2004


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