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Robert Weber
[Künstlerwebsite]

Devotion
1999

Oel auf Segeltuch
220 x 180 cm
© Robert Weber

[weitere Werke (6)]
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Heilige Hingabe

Ein Frauengesicht, eingetaucht in ein Farbenmeer. Überdimensional, in Raumhöhe begegnet es uns. Die Frau hält den Kopf nach hinten geneigt. Die Augen schauen mit einem sehnsüchtigen Blick nach oben, der Mund ist leicht geöffnet.

Was sie wohl sieht? Was sie erwartet? – Was sie sieht und erwartet, entzieht sich unseren Blicken ebenso wie sich das Frauengesicht für weitere Beobachtungen hinter den Farben verbirgt. Sie ist unserem Zugriff – auch nur mit den Augen – entrückt und scheint in einer anderen Welt zu sein.

Ihr Gesichtsausdruck erinnert mich an Heiligenfiguren in barocken Kirchen, welche mit verklärtem Blick die Altäre schmücken und die Betrachter einladen, ebenso in die Betrachtung von Gott zu versinken. Wie Johannes haben sie Gottes Herrlichkeit „mit eigenen Augen gesehen und geschaut“ (1 Joh 1,1-3): in seinem Sohn Jesus Christus!

Dieses Schauen muss sie von innen her verwandelt haben, denn Paulus schreibt an die Christengemeinde von Korinth eine ähnliche Erfahrung: „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.“ (2 Kor 3,18)

Die fließenden weißen Pinselstriche könnten Hinweise auf diesen verwandelnden Heiligen Geist sein, der die junge Frau durchdringt und in ungeteilter Hingabe an Gott aufgehen lässt. In warmen Farben „glühend“ strahlt ihr Gesichtsausdruck die ihr innewohnende göttliche Be-Geist-erung aus, Leidenschaft und die Liebe zu Gott!

Der Wunsch steigt in mir hoch, dass diese vom Geist Gottes bewirkte heilige Hingabe wie ein Funke auf mich überspringen möge, mich entzünde, damit ich auch von Liebe erfüllt „Feuer und Flamme“ für ihn bin.

Gott wartet geduldig, dass ich endlich einwillige darin, ihn zu lieben.
Gott wartet wie ein Bettler, der regungslos und schweigend vor jedermann steht,
der ihm vielleicht ein Stück Brot geben wird.

Die Zeit ist dieses Warten.
Die Zeit ist dieses Warten Gottes, der um unsere Liebe bettelt.
Die Gestirne, die Berge, das Meer,
alles, was von der Zeit zu uns spricht, bringt uns Gottes flehentliche Bitte.

Die Demut der Erwartung macht uns Gott ähnlich.
Gott ist nur das Gute.
Darum steht er da und wartet, schweigend.

Wer herandrängt oder spricht, der braucht ein wenig Gewalt.
Das Gute, dass nichts als das Gute ist, kann nur da sein.
Die schamhaften Bettler sind Seine Bilder.

Simone Weil „Gott ist nicht in der Zeit“. Aus: Zeugnis für das Gute. Traktate, Briefe, Aufzeichnungen [Herausgegeben und übersetzt von Friedhelm Kemp], München, 1990, 208-211)

Patrik Scherrer / 30.10.2004


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