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Michael Morgner

Torso
2004

aus dem Zyklus „Narben“ (bestehend aus 1 Foto und 14 Radierungen)
Radierung, Druckplatte: 49 x 64,5 cm, Papier: 57 x 76 cm
Foto: Lázló Tóth, Chemnitz
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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Narben

Markante schwarze Linien lassen uns auf diesem Bild einen menschlichen Körper wahrnehmen. Sie „zeichnen“ einen Torso, einen Oberkörper ohne Kopf, Beine und Arme. Am unteren Ende des Brustkorbes sind Klammern zu erkennen, mit denen die Arme an den Leib gebunden sein könnten. In der Brustgegend verdichten sich die an einen mäandrierenden Fluss erinnernden Linien zu einer Kreuzform, jedenfalls kann diese Stelle als ein Mensch mit ausgebreiteten Armen gesehen werden.

Der Torso ist zudem transparent, lässt die Sicht frei – oder offenbart – sein Innenleben: eine diagonale Gestalt, halb stehend, halb liegend, von einer starken weißen Linie umgeben. Durch die farbliche Dichte rundherum scheint sie in einer sargähnlichen Vertiefung zu liegen, gleichermaßen wie die schwarze Figur leicht von der Seite dargestellt und auf die einfachste Körperform reduziert. Alle drei Figuren überlagern sich – sie kreuzen sich am gleichen Ort in der Mitte der Brust!

Überall am Torso sind Narben und Nähte zu entdecken - verheilte Verwundungen! Dieser Mensch muss viel Leid erfahren haben, das unter die Haut gegangen ist und unvergessliche Spuren hinterlassen hat. Michael Morgner hat mit der Radierung dafür eine sehr bildhafte Technik verwendet, die wegen ihrer Ähnlichkeit mit Foltermethoden sehr überzeugend und berührend wirkt. Denn beim Bearbeiten der Metallplatte durch Ritzen, Ätzen, Aufsprengen und Zerfurchen wird sie wie ein Körper „verletzt“ und hinterlässt „Wunden“.

In all den schweren Verletzungen hat sich der Mensch in sich zurückgezogen, die verbleibenden Kräfte sammelnd, alles Zerschlagene zusammenhaltend. Die innere Gestalt in Mumienform lässt daran denken, dass er sich bereits zu den Toten zählt. Dennoch strahlt die „gebündelte“ Gestalt Lebenskraft aus – bewahrt im Innersten und Wesentlichen ihr Selbst – umgeben von einer Linie des Lichts. Wie ein Samenkorn liegt sie still in der „Erde“ des irdischen Leibes (vgl. Joh 12,24f) und harrt auf die Auferweckung nach der Not.

Der Gekreuzigte auf seiner Brust lässt an eine Identifikation mit Jesus denken. Auf ihn schaut er in der Not. Von einem Beter im alten Israel sind diese treffenden Worte überliefert (Ps 38,9.18.22): „Kraftlos bin ich und ganz zerschlagen, ich schreie in der Qual meines Herzens. ... Ich bin dem Fallen nahe, mein Leid steht mir immer vor Augen. ... Herr, verlaß mich nicht, bleib mir nicht fern, mein Gott! Eile mir zu Hilfe, Herr, du mein Heil.“

Ausgehend vom Rücken des Breuer Christus in der Rast, hat Michael Morgner in vierzehn Bildern versucht, durch die Narben hindurch das vielgestaltige menschliche Leid neu zu thematisieren. Ein Kreuzweg in ganz neuen Bildern ist entstanden. Er erzählt vom Kampf um das Leben und gegen den Schmerz. Er erzählt vom Glauben an Gott und das ewige Leben. Er erzählt gerade durch die Narben von erfahrener Heilung und neuem, geschenkten Leben.

Patrik Scherrer / 04.09.2004


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