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Michael Morgner

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Kreuz , 2004

Radierung, 57 x 76 cm, aus dem Zyklus „Narben“
Foto: Lázló Tóth, Chemnitz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
 
Ausstrahlung

Massiv wie eine große Plastik steht dieses Kreuz im Raum des Bildes. Seine plastische Wirkung erhält es durch die unterschiedliche Größe und Farbe der drei übereinander- liegenden Kreuzformen und durch die mit Lichtreflexen versehene Oberflächengestaltung des innersten Kreuzes. Die Farbe scheint noch flüssig zu sein, auszulaufen, zentrifugal – strahlenförmig nach außen Farbläufe bildend. Die Kreuzkonturen fransen dadurch aus, bilden unklare Kanten.

Auf dem Kreuz sind überall dunkle Stellen zu entdecken, die an Spuren von Misshandlung erinnern. Sie könnten von einer Folterung stammen, einer Geißelung, welche das spritzende Blut ausgelöst und Schmerzen verursacht hat. Das Wasser des Malers assoziiert das Blut eines Gefolterten und Gekreuzigten. Die Erinnerung an den Kreuzestod Jesu wird wach: „ ... einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus.“ (Joh 19,34)

Die Strahlen sind wie eine Explosion der nicht mehr zu ertragenden Schmerzen, ein lauter Schrei, mit dem sich eine geplagte Seele Luft verschafft. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ schrie Jesus in seiner Todesstunde (Mt 27,46; Ps 22,2). Die Radierung von Michael Morgner scheint wie eine bildliche Umsetzung der Klage im gleichen Psalm zu sein: „Ich bin hingeschüttet wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder. Mein Herz ist in meinem Leib wie Wachs zerflossen. ..., du legst mich in den Staub des Todes.“ (Ps 22,15-16)

Dieses Kreuz scheint zu leben. Vor meinen Augen nimmt es die Gestalt eines gedrungenen oder gebeugten Menschen an. Andererseits atmet und blutet es wie ein verletztes Herz. Die beiden Eindrücke schließen sich gegenseitig nicht aus, überlagern sich vielmehr und finden Ausdruck im Kreuz.

Erstaunlicherweise weckt das Kreuz den Eindruck, dass mit dem Ausfließen der Lebensenergie in der Mitte ein Freiraum entsteht, in dem neues Leben entsteht. Nach der noch an den Rändern sichtbaren Dunkelheit des Leids dringt im Innersten des Kreuzes bereits das Licht des neuen Lebens durch und bietet damit so etwas wie einen Schutzraum, einen Ort der Geborgenheit (vgl. Ps 18; 31,4-6). Ebenso lässt der das Kreuz umgebende Strahlenkranz der Farbspritzer an die Strahlen der Sonne denken, die bereits hinter dem Kreuz des Leidens und des Todes den „neuen Tag“ ankünden.

So düster, massiv und kalt dieses Kreuz auf den ersten Blick also wirken mag, spricht es doch auch von der erfahrenen Hilfe durch Gott, in den der Glaubende seine ganze Zuversicht gelegt hat. Im Kreuz Jesu hat er Schutz gefunden in seiner Not. Ist nicht das innerste Kreuz plastisch ausgeformt, einen bergenden Hohlraum bildend? Der Vergleich mit einem Herz drängt sich auf und der Gedanke, dass ich mich in der Not da hineinlegen und bergenden Schutz erfahren kann, stimmt mich froh. Ja und leuchtet in den Farbspritzern nicht bereits die verheißene Auferstehung von den Toten auf?

„Euer Herz sei stark und unverzagt, ihr alle, die ihr wartet auf den Herrn.“ (Ps 31,25)

Patrik Scherrer / 23.10.2004


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