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Louise Bourgeois

Cross
2002

Bronze mit Silbernitrat-Patina,
Unikat, 184,7 x 68,5 x 43,1 cm
© Louise Bourgeois Trust/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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Nicht an der Wand hängend, nicht klein wie ein Grabkreuz oder übergroß wie ein Friedhofs- oder ein Wegkreuz begegnet uns dieses Kreuz, sondern in Menschengröße tritt es uns gegenüber.

In der Senkrechten besteht es aus einem einfachen Vierkantstab mit einer glatten, unbehandelten Oberfläche, der in seiner geraden Schlichtheit an ein aus Balken gefertigtes Kreuz erinnert. In der Waagrechten hat die Künstlerin kein geometrisch konstruiertes Element verwendet, sondern zwei in den Unterarmen miteinander verbundene Hände, die durch ihre körperliche Ausformung an den Leib Christi denken lassen, der am Kreuz gestorben ist. Im Gegensatz zum vertikalen Stabelement sind die realistisch gestalteten Hände mit einer Silbernitrat-Patina veredelt.

Kreuz und Gekreuzigter werden so auf das Wesentliche reduziert zur Sprache gebracht: Mit ausgebreiteten Armen ist der Mensch an einem von Menschenhand errichteten Folterinstrument erhöht getötet worden. Doch anders als bei den traditionellen Kreuzigungsdarstellungen ist nur die eine Handfläche dem Betrachter zugewandt, die andere kehrt ihm den Handrücken zu; auch sind keine Wundmale zu erkennen

Diese so plastisch modellierten Hände scheinen nicht die eines Toten, sondern das Letzte eines Lebenden, eines um das Leben Kämpfenden zu sein. Doch sie greifen ins Leere. Während die linke Hand bereits kraftlos nach unten hängt, spreizen sich die Finger der rechten Hand noch kraftvoll, als wollten sie einen von hinten kommenden unsichtbaren Angreifer abwehren.

Die harmonische Gesamterscheinung dieses lateinischen Kreuzes täuscht. Der auf die beiden Extremitäten reduzierte Leib irritiert in seiner schwebenden Position. Sein lautloser Schrei nach dem fehlenden Körper dazwischen verunsichert, die Drehbewegung der in den Unterarmen verbundenen Hände ruft Unbehagen hervor, das einem nicht mehr so schnell loslässt.

Angesichts des Unfassbaren, das mit der Kreuzigung des Gottessohnes geschehen ist, sollte es uns nicht bei der Betrachtung eines jeden Kreuzes so ergehen wie mit dem Kreuz von Louise Bourgeois? Es vermag durch Gewöhnung zur Indifferenz verhärtete Kreuz-Ansichten aufzubrechen und Gefühle und vielleicht auch persönliche Erfahrungen zum Leben zu erwecken, in denen man sich wie am Kreuz aufgehängt, aller menschlichen Würde beraubt, handlungsunfähig vorkam. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 15,34)

Patrik Scherrer / 20.08.2011


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