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Bernd Zimmer
[Künstlerwebsite]

Entkleidung
2005

aus dem Zyklus Lema Sabachtani:
14 Stationen des Kreuzwegs

Holzschnitt auf papierkaschiertes
Buchbinderleinen
173 x 116 cm

Foto: Döring
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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Entkleidung

Kein Mensch ist zu sehen. Die wenigen Zeichen deuten in der Stille des Bildes mehr an als sie Konkretes sagen. Aus dem Holz geschnitten, dem gleichen Material wie das historische Kreuz von Jesus, haben sie auf dem Leinen ihren Abdruck hinterlassen, um in ihrer Einfachheit die Menschen anzusprechen – bis zum 11. April 2006 in einigen U-Bahnhöfen Berlins. Damit thematisiert der Künstler die Leidensgeschichte Jesu an einem ungewohnten, aber stark frequentierten Ort. Er konfrontiert damit Menschen, die auf dem Weg sind – zur Arbeit oder zum Arbeitsamt, zur Schule oder in die Freizeit, zu Menschen, die ihnen gut gesinnt oder mit denen sie zerstritten sind – und richtet sich an all jene, die im übertragenen Sinn jeden Tag ihr persönliches Kreuz auf sich nehmen.

Auf einem angedeuteten Hügel liegt hochkant ein schwarzes, an seiner Struktur deutlich erkennbares Holzkreuz. Drei schwarze Schädel weisen auf Golgota, die Schädelhöhe hin (Mt 27,32) und kennzeichnen damit die Hinrichtungsstätte als Ort des Todes. Dahinter ein aufgerichtetes weißes Kreuz. – Oder ist es aus dem blutroten Himmel ausgespart worden, weil das schwarze Kreuz hier zuerst seinen Platz finden wird? Nacktheit ist aus dem weißen Kreuz herauszuspüren. Einerseits ist es, als wäre es entkleidet, seines Kleides beraubt worden (vgl. Mt 27,35). Andererseits strahlt in ihm bereits der durch Gott verherrlichte Leib auf, den keine Entkleidung mehr bloßstellen und in seiner Würde erniedrigen kann.

Der Tod steht kurz bevor. Die kleinere hellrote Fläche am rechten Bildrand könnte für das Lebensblut stehen, das sich am Verabschieden ist? Dem roten Hintergrund nach steht ja das große Blutvergießen bevor, das“ für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28).

Auf der anderen (Bild-) Seite durchquert und verbindet eine dünne gelbe Linie die beiden Kreuze. Dabei ist nicht auszumachen, ob sie von oben kommt oder von unten nach oben geht. Doch durch diese Himmel und Erde verbindende Linie erhalten die beiden Kreuze Halt und ihre helle Farbe und ihr bloßes Dasein lassen Hoffnung schöpfen, dass Einer schützend über den Not Leidenden steht, ihnen in ihrer Not beisteht und sie eines Tages wie seinen Sohn erlösend in seine Herrlichkeit eingehen lässt.

ganzer Kreuzweg

Der ganze Kreuzweg mit hervorragenden, ganzseitigen Farbfotos und Texten von Anuschka Koos, Eugen Biser, Fridolin Haugg, Friedrich Nietsche, Helmut A. Müller und Wolf-Günter Theil ist als Buch erhältlich: Bernd Zimmer, Lema Sabachtani. 14 Stationen des Kreuzwegs, München 2006. ISBN 3-88779-016-2

Patrik Scherrer / 01.04.2006


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