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Kühne Hendrikje Klein Beat


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Mandala , 2005

Bodeninstallation, Papier auf Karton, Durchmesser 400 cm, Höhe 20 cm. Courtesy Kartause Ittingen, Kunstmuseum des Kantons Thurgau, © Hendrikje Kühne / Beat Klein, Basel
 
Konsum-Mandala

Wie eine Stadtlandschaft breitet sich dieses Kunstwerk auf dem Boden aus. Die einzelnen Teile der Installation stehen wie in verdichteter Bauweise ineinander verschachtelt da und bieten eine verwirrende Farben- und Formen-Vielfalt. Beim Nähertreten offenbart sich die idyllische Stadtlandschaft allerdings als eine Ansammlung von Konsumgegen- ständen, bzw. von deren Abbildungen.

Gesucht und zusammengetragen aus unzähligen Zeitschriften, Katalogen und Werbebroschüren, wurden sie ausgeschnitten und auf Pappkarton aufgeklebt. Je zwei farblich gleiche Abbildungen dieser käuflich erwerbbaren Gegenstände wurden kreuzweise miteinander verbunden, um ihnen Stand zu verleihen. Die Rückseiten sind unbeklebt. Dadurch ergibt sich beim Umschreiten des Mandalas stets ein anderes Bild: Mal sind vor allem die hellen, einfarbigen Rückseiten zu sehen, dann nur die eine Bildansicht, in der Diagonalansicht wiederum die erschlagende Fülle aller Gegenstände: Lebensmittel, Autos, Möbel, Elektronikgeräte, Spielsachen, Kleider, Kosmetika, Werkzeuge, Haushaltgegenstände, Musikinstrumente, Kunstwerke, etc.

Geduld, Ausdauer, meditatives Schauen waren nötig, um die Abbildungen nach Farben zu ordnen. Um eine rechteckige grüne Mitte gruppieren sich in vier Kreissegmenten rote, blaue, gelbe und weiße Objekte. Danach folgt ein orange-brauner Bereich, der wie durch eine quadratische Mauer von schwarzen Gegenständen eingegrenzt ist. Anschließend bildet ein weiß-schwarzer Bereich den Übergang zu einem Kreis, dem konzentrisch weitere, je ein gelber, blauer und roter Kreis folgen. Den äußeren Abschluss bildet ein niedriger gehaltener schwarzer Kreis.

Der dreiteilige Aufbau strahlt etwas Sakrales, Heiliges aus. Die einmalige grüne Fläche in der Mitte des Mandalas lässt an das Paradies denken, in dem Gott Bäume wachsen ließ, die „verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten“ behangen waren (Gen 2,9). Im Mandala sind die Verlockungen unserer Zeit zur Betrachtung vereint worden. Die vielen Abbildungen, die normalerweise um die Gunst der Konsumenten werben, sie beeinflussen und zum Kauf verführen sollen, regen nun in der Konzentration dieses Mandalas zum Denken an.

Sinnigerweise bilden die kreuzförmigen Objekte der Abbildungen in dieser Stadtlandschaft nur Fassaden und leere Räume. Kein Mensch ist zu sehen. Die Konsumgegenstände sind das Wesentliche dieser Stadt geworden. Der Mensch, der sie geschaffen hat und dem sie eigentlich zu Diensten sein sollen, ist durch die erschlagende Fülle verdrängt worden. Nicht mehr er steht im Mittelpunkt, sondern die Ware und der Gewinn, der sich damit erwirtschaften lässt. Insofern ist dieses Mandala ein Abbild unserer Welt, die zu einem alles beherrschenden Supermarkt verkommen ist, in dem nur das Geld zählt. Durch die Anhäufung dieser Gegenstände wird der Betrachter nach der Bedeutung dieser Produkte in seinem Leben gefragt. Vielleicht fühlt er sich mit ihnen paradiesisch wohl, vielleicht aber auch bedrängt. Für den einen mögen sie unverzichtbar und (über-)lebenswichtig sein, für den anderen ein belastendes und oftmals auch zerstörendes Übel.

Die alles beherrschende Konsumwelt stellt die Frage nach Gott. Worauf bauen wir unser Leben auf, an wen oder was binden wir uns? In den zehn Geboten sprach Gott zu seinem Volk: „Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott“ (Ex 20,5a).

Die aus Papierabbildungen und Karton gefertigte „Stadt“ legt eine Scheinwelt nahe, ein Blendwerk, das der Wirklichkeit entbehrt und ins Nichts führt (vgl. Jes 2,18; Jer 51,17). Trotz ihrer verführerisch glänzenden Darstellung suggeriert gerade ihr äußerst vergängliches Material, dass auch der Wert des angepriesenen Gegenstandes nicht von langer Dauer ist. Auch der Besitz noch so vieler käuflich erwerbbarer Gegenstände kann den Hunger nach wahren Werten wie Vertrauen, Liebe, Gerechtigkeit, Anerkennung u.a.m. nicht stillen. Im Gegenteil! Eine Enttäuschung nach der anderen spornt wie in einer Teufelsspirale den Kauf von weiteren Gegenständen an – immer in der Hoffnung, damit zufrieden und glücklich zu werden.

Von oben gesehen bilden die vielen Gegenstände dieser „Konsumwelt“ eine unüberschaubare Anzahl von Kreuzen. – Bildet unsere Konsumgesellschaft eine durch ihren Konsum sich gegenseitig kreuzigende, zerstörende Gesellschaft? Bei der die einen, wie es das Mandala anschaulich darstellt, in einer überbordenden Angebotsfülle ihre Wünsche und Ansprüche immer höher schrauben, während die Menschen auf der anderen Seite so leer ausgehen, dass sie nicht einmal ihre Grundbedürfnisse befriedigen können? Erschreckend!

Das Mandala wirft virulent die Frage auf, was in unserem Leben sinnstiftend ist. Wer oder was bildet unsere Welt? Welche Menschen oder Gegenstände sammeln wir, um mit ihren unsere Lebenswelt zu gestalten und glücklich zu werden? Ist unsere „Welt“ noch eine lebenswerte Stadtlandschaft, oder ist sie dabei, zu einer künstlichen, dem Leben entfremdeten „Satt-„ oder „Stattlandschaft“ zu verkommen?

Dieser Bild-Impuls wurde in der Ausgabe 2/2006 der Zeitschrift "das münster", Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft erstveröffentlicht.

Patrik Scherrer / 02.09.2006


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