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Franz Hämmerle
[Künstlerwebsite]

Aufbrechen
2002

Eiche
Höhe 400 cm
© Franz Hämmerle

[weitere Werke (3)]
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Aufgebrochene Ganzheit

Ein Baumstamm. Teilstück eines einst mächtigen Baumes. Wer von hinten an ihn herantritt, erhält den Eindruck, vor einem intakten Stamm zu stehen. Die Rundung des Stammes und die Oberfläche täuschen ein rundes Baumstück vor.

Beim Umschreiten offenbart das Holz auf der anderen Seite jedoch ein ganz anderes Gesicht: Eine aufgebrochene, offene Seite. Es ist ein Blick ins Innere des Holzes, gleichsam in sein Fleisch hinein, dass nun des Betrachters Blicken unverhüllt zur Schau steht.

Den Spuren von Wind und Wetter nachgehend, hat der Künstler das Innere des Stammes weiter aufgebrochen, nachbearbeitet und farblich hervorgehoben. Nun erinnert das nach Außen gekehrte Innere mit seiner roten Farbe an das Leben, das im Baum aufstieg und ihn zum Wachsen und Blühen brachte. Die Farbe erinnert auch an die Verletzung, die er in seinem Innern trug und deren Wunde wahrscheinlich zu seinem Absterben und Fällen beigetragen hat.

Auf Grund seiner Proportionen sind Parallelen zu uns Menschen möglich. Die rote Farbe lässt uns gleichsam in das Innere dieser stehenden Gestalt sehen und ihr sonst verborgenes Fleisch und Blut schauen. Die materielle Form des Lebens und der Liebe werden sichtbar. Gleichzeitig sprechen die aufgebrochene Seite, die waagrechten Einschnitte der Kettensäge und die Spuren des Hohlbeitels von den Veränderungen, die wir von außen und innen erfahren. Schmerzen und großes Leid sind damit verbunden.

Die Veränderungen haben zu einem Substanzverlust geführt. Die ursprüngliche Gestalt lässt sich wohl noch erahnen, die Beeinträchtigung steht jedoch im Vordergrund. Meistens erfahren wir diesen Verlust an Ganzheit als etwas Schlimmes und Negatives. Der „Verlust“ kann aber auch eine Bereicherung sein, die uns im „Weniger“ ein „Mehr“ erkennen lässt: Ein „Mehr“ an Erfahrung und Leben vielleicht, oder ein „Mehr“ an Offenheit, welche die Veränderungen in uns aufgebrochen haben.

So vermag die Skulptur die Ganzheit in ihrer Wirklichkeit darzustellen. Nicht als unantastbare und gleichsam museale Unversehrtheit, sondern wie beim Baum durch das Wetter und die menschlichen Einflüsse geprägte Geschichte, zu der gute und schlechte Zeiten gehören.

Patrik Scherrer / 01.07.2006


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