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Young-Jae Lee
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1111 Schalen , 2006

zwischen 2003 und 2005 aus Ton entstanden
Foto: P. Scherrer, © Young-Jae Lee
 
Erwartung

Fast unendlich viele Tonschalen stehen vor uns auf dem Boden. Schalen, die meistens als Einzelstücke in der Küche und auf dem Esszimmertisch verwendet oder in einer Vitrine präsentiert werden, wurden nicht einzeln, sondern in einer auf einen Blick unfassbaren Anzahl auf den Boden gestellt. Eine, und noch eine, und noch eine und noch eine ... 1111!

Jede Schale hat eine individuelle Gestalt, eine etwas andere Form als diejenige neben ihr. Einzelanfertigungen! Die Hände der Töpferin sind noch an ihnen zu spüren, wie sie aus der Mitte des Tonklumpens heraus den Boden weiten, die Seiten hochziehen und den Rand fertigen – ein Gefäß entstehen lassen. Die Glasur verlieh dann jeder Schale eine eigene Farbe sowie eine matte oder eine glänzende Oberfläche, das Brennen im Ofen Beständigkeit, Wiederstandskraft und Undurchlässigkeit.

So stehen sie in schlichter Schönheit nebeneinander. Keine Schale ist mehr, keine ist weniger. Jede besitzt ihre ganz eigene „Größe“. Diese setzt sich nach außen aus dem Abstand, aus dem respektvollen Zwischenraum zu den anderen Schalen, nach innen aus der Offenheit nach oben und der ihr innewohnenden Leere zusammen.

Sie harren alle ihrer Bestimmung entgegen, etwas in sich aufzunehmen, zu halten, zu vermitteln, oder zu bewahren. Sie alle sind bereit zu empfangen. Sie stehen offen und leer hier, damit sie gefüllt werden, damit ihre Erwartung erfüllt wird. Dadurch kann man den Schalen bis auf den Grund sehen, ihre innerste Mitte, aus der heraus sie entstanden sind.

Symbolisch können diese Schalen für uns Menschen stehen. Wunderbar sind wir als uns ähnliche und doch individuelle Geschöpfe geschaffen worden und besitzen eine schwer definierbare und dadurch geheimnisvolle Offenheit für alles, was uns erfüllen könnte. Wir haben die Fähigkeit, unendlich viele Erfahrungen und viel Wissen in uns aufzunehmen und in unseren Wohnungen und Ländern unendlich viele materielle „Kostbarkeiten“ zu sammeln. Wir ziehen manchmal so viel an uns, dass vor lauter Materialien und Aktivitäten kaum mehr Raum und Zeit für etwas Neues übrig bleibt.

Insofern stellen die Schalen so etwas wie ein Urbild von uns dar, ein Ideal, das wir in uns spüren und allein doch nicht erreichen können. Sie bringen indirekt eine Sehnsucht zum Ausdruck, dass jemand zu uns kommt, der uns von der selbstverursachten Überfülle zu entlasten und zu befreien vermag, damit bei uns wie bei diesen Schalen unsere Mitte wieder sichtbar wird, die Handspuren unseres Schöpfers, der Fingerabdruck Gottes, der uns eine einzigartige Schönheit und Würde ins Leben gegeben hat.

Dass diese Schönheit und Würde äußerst anfällig sind, führen uns die auf den Boden des Alltags gestellten Tongefäße vor Augen. Es braucht nicht viel, vielleicht nur einen gedankenlosen Fußtritt, um sie zu zerschlagen. So lehren uns die Schalen auch Achtsamkeit und Sorgfalt mit ihnen, damit wir mit den Mitmenschen um uns herum noch achtsamer und sorgfältiger umgehen als mit einzigartigen Kunstwerken!

Die 1111 Schalen sind noch bis zum 28. Januar 2007 in der Rotunde der Pinakothek der Moderne in München ausgestellt. Dazu ist im Verlag Hatje Cantz ein bildstarker schöner Katalog erschienen: Young-Jae Lee, 1111 Schalen. ISBN 3-7757-1852-4

Patrik Scherrer / 16.12.2006


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