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Wolfgang Kulzer
[Künstleradresse]

Mutter mit Kind
2003

ca. 40 x 56 cm
Mischtechnik auf Leinwand

© Troxler-Haus, Wuppertal

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Vor-Stellung

Eine in sich gekehrte Gestalt mit einem etwas hilflos wirkenden Kind begegnet uns auf diesem Bild. Die beiden wären wahrscheinlich nichts Besonderes, wenn nicht ein feurig roter Block den Hintergrund für ihre frontale Darstellung bilden würde. Eingerahmt von dunklen Seiten, erscheint er wie eine Öffnung, durch die von hinten Licht, Wärme und Kraft ins Bild strömen. Die Einfassung wie das energiegeladene Feld versprechen Halt, Verlässlichkeit, Stabilität – letzteres mit seinem leuchtenden Rot zudem glühende Liebe.

Die davor stehende Gestalt, ein geheimnisvolles, ganz in Blau gehülltes Wesen, ist von diesem lebendigen Rot umgeben und scheint in ihm Geborgenheit und Rücken deckenden Halt zu finden. Nur die längliche Form, die Füße und das Gesicht weisen sie als Menschen aus, die feinen Gesichtszüge und das spitze Kinn als Frau. Ihre Augen wirken geschlossen – als verberge sie jede Spur von Individualität, als konzentriere sie sich auf ihre Bestimmung, das Kind vorzustellen und ihm Rückhalt zu bieten. Sie braucht dazu keine Geste des Haltens, sie tut es ohne Besitzanspruch, ohne Herablassung und ohne Sentimentalität. Sie ist einfach da, verlässlich da, als Mutter des Kindes. Und das Kind, das sie vorstellt – uns vor Augen stellt – hat den Rückhalt, denn es kann selbständig vor ihrem Schoß stehen.

Die Form des Kindes ist deutlicher gezeichnet als die der Mutter, aber dennoch reduziert auf das Allernotwendigste. Hemdchen und Füße sind in warmem Gelb gemalt, das runde Gesicht entspricht farblich dem Gesicht der Mutter. So fehlt es auch dem Kind an Individualität.

Aber was hat dieser orangefarbene Kreis um seinen kleinen Kopf zu bedeuten? Ist er eine Entsprechung zur blauen Kopfverhüllung der Mutter? Oder bringt er – farblich in der Mitte zwischen dem körpereigenen Gelb und dem feuerroten tragenden Grund liegend – vielleicht die Herkunft des Kindes zum Ausdruck, seine aus der Liebe hervorgegangene Existenz und bildet deshalb einen „Heiligenschein“? Stellt das Bild also Mutter und Kind vor dem Ausdruck einer leidenschaftlichen Liebe dar? Oder dürfen in den beiden Gestalten Maria und ihr kleiner Sohn Jesus gesehen werden, beide von Gottes unendlicher Liebe einzigartig umfangen und durchdrungen?

Das Bild lässt beide Deutungen zu, und lässt die Antwort offen …

... denn in jeder Menschengeburt geschieht etwas Wunderbares und Göttliches. Wird nicht durch jede Geburt die Zeit geheiligt und zu einer „heiligen Nacht“ oder zu einem „heiligen Tag“? Und stellt sich nicht jede Mutter in den Dienst Gottes, wenn sie eine Schwangerschaft zulässt und das „himmlische“ Geschenk annimmt, werdendes Leben in sich zu tragen und es der Welt zu gebären – wenn sie ihrem Kind liebender und zur Selbständigkeit verhelfender Rückhalt ist?

Patrik Scherrer / 23.12.2006


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