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Anneli Schwager
[Künstlerwebsite]

Prolog
2005

Mischtechnik,
Klappbild in 6 Teilen und ein
Oberteil zu je 80 x 80 cm,
hier zusammengeklappt

© VG Bild-Kunst, Bonn 2013/2014

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Prolog – Vorwort – Vorbild

Drei gleich große blaue Tafeln bilden die Grundlage für einen schöpferischen Prolog, der durch die Formen und Farben zu einem Dialog zwischen der Einzeltafel oben und den beiden Tafeln unten wird. Letztere sind nur zusammen ein Ganzes. Der goldfarbene Kreis in ihrer Mitte erscheint wie ein Abbild des blauen Kreises im oberen Quadrat, der wie ein Planet über goldenen Wolken schwebt. In seiner Mitte sind über einer sichelförmigen Aufhellung vertikale Strukturen zu erkennen, die an Adern, Wurzeln oder Bäume denken lassen. Leben? Die Andeutung bleibt geheimnisvoll. Allerdings bringt ein diese Erscheinung umschreibendes Dreieck ein Symbol ins Gespräch, das für den Gott gebraucht wird, der sich uns Menschen in drei Personen offenbart hat.

Die Doppeltafel darunter zeigt sich uns nicht weniger geheimnisvoll. Im goldenen Kreis ist ein grünes Quadrat mit einem dunklen Auge zu sehen, das über einem Tisch mit Flügel zu schweben scheint. Links daneben ist schwach ein Mensch zu erkennen (Detailbild). Dieser abgeschlossene Raum wird nur durch ein von oben eindringendes Licht mit seiner Umgebung verbunden, die in einem wunderbar lebendigen Blau zum einen von einer weißen und einer grünen Waagrechten, zum anderen von an Weinranken erinnernden kräftigen blauen Linien geprägt wird.

Wollen diese beiden Tafeln auf die aus Gott hervorgegangene und im Werden begriffene Schöpfung hinweisen, das Quadrat in der Mitte auf den Tempel, der Tisch mit den Flügeln auf einen Altar oder das Gestell, welches die Bundeslade mit den 10 Geboten trug (vgl. Ex 25,10-20)? Die beiden Bildebenen wecken das Verlangen nach mehr. Was wohl hinter dem Auge verborgen ist, das wie ein Schlüsselloch ein Öffnen von Türen suggeriert? – Die Künstlerin lässt uns nicht in unseren Erwartungen sitzen und hat tatsächlich eine dritte Ebene gemalt, die sich durch Entfalten des Diptychons ergibt und den Blick auf ein faszinierend bewegtes Geschehen ermöglicht (Geöffnetes Klappbild).

Anstelle des zentralen Kreises mit dem dunklen Auge schauen wir nun eine geheimnisvolle Lichterscheinung auf einem Gefährt mit zwei Rädern. Es ist von einem angedeuteten Dreieck umgeben und scheint für den Transport vorgesehen zu sein. So wie der Kreis des Diptychons mit der oberen Einzeltafel in Verbindung stand, so lässt die Wiederholung des Dreiecks aufmerken. Das in ihm aufleuchtende Licht scheint alles Umgebende in seinen Bann zu ziehen: Ein Männergesicht beugt sich über das eigenwillige Lichtgefährt, als schaue er in der Krippe denjenigen, der das Licht der Welt ist. Rechts davon ist eine Mutter mit ihrem Kind erkennbar, darunter der Kopf eines Schafes. Daneben am oberen Bildrand Köpfe von Besuchern, die sich um das offenbarende Geschehen scharen: Hirten, die drei Weisen, gewissermaßen auch wir.

Es ist, als sei die einsame Gestalt aus dem Schatten unter dem zentralen Auge hervorgetreten und habe die Seite gewechselt, um sich der aufleuchtenden Herrlichkeit zuzuwenden. Sein Haupt ist verehrend geneigt und erinnert an den weisen Simeon, dessen Warten auf den Retter Israels mit dem Anblick Jesu ein glückliches Ende genommen hat (vgl. Lk 2,25-32).

Auf der linken Seite assoziieren die Augen und Formen Tiere, die sich wie die Menschen vor dem Licht versammeln und verneigen und den Neugeboren als ihren Herrn ehren. Darunter ist ein Raum mit Rundbogen angedeutet. – Was für ein Gegensatz zur „Krippe"! – Ob er auf Jesu königliche Abstammung aus dem Geschlechte David hinweisen oder auch zur Sprache bringen will, dass die Tore zum Paradies mit Jesus wieder offen sind (ähnlich wie bei diesem Klappbild)?

Das Kunstwerk lässt vieles offen. Dennoch will es, wie sein Titel es treffend bezeichnet, Prolog sein, hinführendes, vorbereitendes „Vorwort“ für die Begegnung mit dem wirklichen Wort, dem wahren Licht, das aus dem unsichtbaren Gott hervorgegangen und unter uns Mensch geworden ist. Das Kunstwerk macht auch deutlich, dass wir für eine intensive Gottesbegegnung und -beziehung in die Tiefe gehen, gleichsam hinter die verschleiernde Oberfläche der Dinge und Handlungen schauen müssen, um ihm wirklich zu begegnen. Und es bringt durch den Lichtwagen einzigartig zum Ausdruck, dass die Erfahrung des göttlichen Lichtes von uns mitgenommen werden und zu den Mitmenschen transportiert werden soll.

Patrik Scherrer 06.01.2007


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