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Joachim Kögel
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Abendmahl , 2001

Öl auf Leinwand, 80 x 120 cm, © Joachim Kögel

 
Mehr als ein Abendmahl ...

Das Erfassen der verschiedenen Bildelemente wird dem Betrachter in diesem Bild nicht leicht gemacht. Während der Tisch, das große Glas, das vom Tisch herunterfallende Fischskelett und die verschiedenen Personen klar eine Mahlgemeinschaft erkennen lassen, verwirren die verweisenden Symbole und ungewöhnlichen Personenfragmente mit ihren expressiven Handlungen. Zusammen mit der dominierenden roten Farbe vermitteln sie ein aufwühlendes, bewegendes Geschehen.

Bereits der schräg stehende Tisch vermittelt, dass etwas ins Rutschen gekommen ist, dass sich etwas bis dahin Feststehendes, Zentrales verändert hat. Etwas, das unmittelbar mit dem großen, breitschultrigen Mann zu tun hat, der in der Hand ein kelchförmiges Gefäß hält und dessen rotes Gewand mit bedeutungsvollen weißen Farbtropfen bedeckt ist. Sein vom halbseitigen Schlagschatten und von zwei Gesichtern und einer auf den Kelch zeigenden Person in den Hintergrund gedrängtes Gesicht ist leicht nach rechts geneigt. Mit liebevollem Blick wendet er so seine Aufmerksamkeit dem kleinen Mann zu seiner Rechten zu, der ihn mit aufgestütztem Arm und großen Augen fragend anschaut.

Auf der anderen Seite des Tisches tauchen aus dem dunkleren Bildbereich ähnlich staunende und nachdenkliche Gesichter auf: Was hier geschieht, ist unfassbar! Erstaunlich, dass da einer mitten drin seinen Kopf auf den Tisch legen und schlafen kann. Um so mehr, als sein Gesicht vom Kelch ausgehenden Schlaglicht genauso beleuchtet ist wie jenes der Hauptfigur und eine starke Verbindung zwischen den beiden hergestellt wird.

Aus dem Gesamtzusammenhang geht hervor, dass es sich hier um Jesus und das letzte Abendmahl handeln muss. Der Schlafende könnte seinen Lieblingsjünger Johannes darstellen, der seinen Kopf vertrauensvoll an Jesu Brust gelegt hat. Aber die anderen Jünger? Sie sind Symbolträger geworden, welche die an sich geschlossene Tischgemeinschaft nach außen öffnen und in einem viel größeren Bedeutungsrahmen stellen.

Der dreiblättrige Ölzweig lässt an den mit Noach geschlossene Bund denken, in dem Gott das Leben auf der Erde nicht mehr vernichten, sondern beschützen will. Das Lamm auf einem grünen Hintergrund bringt das Opfer Abrahams in Erinnerung, bei dem er seinen einzigen Sohn Gott opfern wollte. Er wurde aber vom Engel Gottes zurückgehalten und hat dann anstelle seines Sohnes einen Widder Gott als Opfer dargebracht. Im Gegensatz dazu hat Gott in seiner grenzenlosen Liebe zu uns seinen einzigen Sohn für unser Heil hingegeben. Weil er möchte, dass wir nicht an unseren Fehlern und Schwächen zugrunde gehen, sondern gerettet werden und die Freude unendlichen Lebens erfahren dürfen.

Die zwölf Jünger erleben das Jahrhunderte lang von Sehern und Propheten erwartete heilsgeschichtliche Ereignis des Neuen Bundesschlusses durch Jesus ganz unterschiedlich. Der eine scheint es zu verschlafen, die anderen staunen ungläubig. Oben links schreitet einer ins Bild hinein und steuert gerade ein rundes Brot zum Mahl bei. Ein anderer, es könnte in Anspielung an seine Fischertätigkeit und seine Kreuzigung Petrus sein, steht Kopf. Der Jünger neben ihm zeigt mit ausgestrecktem Finger auf den Kelch als wiederhole er die unfassbaren Worte Jesu: „Trinkt alle aus diesem Kelch; das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ (Mt 26,27b-28)

Die das Bild beherrschende rote Farbe muss deshalb – genauso wie sie Gottes unendliche Liebe zum Ausdruck bringt – auch für das Blut Jesu Christi stehen, das er als Unterpfand für diesen Neuen Bund vergossen hat. Die Tropfen auf Jesu Gewand könnten in diesem Zusammenhang auf den ihm bevorstehenden Leidensweg hinweisen. Sie könnten aber auch als zwölf Tränen gedeutet werden, – die zehn sichtbaren können vom Rapport her problemlos mit zwei weiteren ergänzt werden – welche die zwölf Stämme des Volkes Israel ins Bild bringen. Trauer schwingt in den Tränen mit, denn ihnen gilt der Neue Bund, doch nur wenige haben ihn angenommen.

Was beim Letzten Abendmahl geschah, stellt den Glauben der Gläubigen zu allen Zeiten auf den Prüfstand. Die Versuchung, dargestellt durch die Gestalt, die unter dem Mond von einem Harlekinarm von Jesus weggezogen wird, ist stets da, anderen Mächten zu folgen und sich in die Dunkelheit der Glaubensferne ziehen zu lassen.

Die unruhige Bildgestaltung bewegt, die vielen Andeutungen stellen mich Betrachter in Frage: Wie stehe ich zu Jesus, der sich selbst in den Tod gibt, damit wir ein Mehr an Leben haben? Kann ich glauben, was Jesus gesagt und getan hat, insbesondere mit der Einsetzung des erinnernden, vergegenwärtigenden, versöhnenden Abendmahls? In welcher Jüngergestalt finde ich mich am ehesten wieder? Kann ich sein Geschenk annehmen und in jeder Eucharistiefeier als für uns zentrales heilsgeschichtliches Ereignis dankbar feiern?

Patrik Scherrer / 31.03.2007


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