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Madeleine Dietz
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Kein Wesen kann zu nichts zerfallen! , 2003

Rauminstallation mit geschichteten Erdstücken und Stahl
25 x 500 x 500 cm, © Madeleine Dietz

 
Kein Wesen kann zu nichts zerfallen

Achteck, Kreis, Quadrat.
Raumbildend durch Mauerreste und Stahlkörper. Spiegelbildlich einander gegenüber stehend, zusammen ein Ganzes bildend. Öffnungen frei lassend.

Eine Einladung, um sich auf das Kunstwerk einzulassen? Nicht nur intellektuell, sondern physisch, ganzheitlich, erfahrungsbezogen! Das Kunstwerk lädt mich ein, es durch mich zu erfahren.

Ich kann mich nur von außen nähern. Ich kann überschreiten oder durchschreiten. Beim Überschreiten der Elemente verwehrt sich das Kunstwerk mir und ich erfahre mich als Eindringling. Im Durchschreiten der schmalen Öffnungen fühle ich mich auf dem rechten Weg und gleich von der Mitte angezogen. Die Gassen bilden eine leere Kreuzform, die mich zur Mitte führt, wenn ich nicht in einen der beiden Umgänge einschwenke. Will ich der Mitte nicht fern bleiben, muss ich mich entscheiden, in einer der Gassen auf sie zu zugehen.

Und dann stehe ich in der Mitte, dem durch die drei geometrischen Grundformen archaisch geheiligten leeren Raum. Achteck, Kreis und Quadrat nun nicht mehr vor mir, sondern um mich herum. Ich spüre, wie dicht diese leere Mitte schon erfüllt war. Da war nicht „nichts“, sondern erfüllte Gegenwart des Unsichtbaren.

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen! Denn da ist Einer, der unsichtbar alles am Leben erhält und dadurch in der Mitte von allem Geschaffenen steht und es zusammenhält. Das Quadrat in der Mitte kann symbolisch für die Welt stehen, der Kreis für die sie umgebende und beschützende göttliche Gegenwart, das Achteck für die Taufe, die von der Kirche veranlasste Rück- und Verbindung der sichtbaren mit der unsichtbaren Welt Gottes.

Quadrat, Kreis und Achteck können auch für verschiedene „Lebenswelten", verschiedene Verhalten von uns Menschen stehen. Für das Eckige oder Runde in uns, das Abweisende oder Zulassende. Die Materialien der Installation sprechen Gegensätzlichkeiten an, die ich beide in mir wiederfinde. Die Tonsteine lassen die warme, lebendige Seite in mir anklingen, aber auch die Bruchstücke meines Lebens, die durch alle Lebenslagen hindurch trotz ihrer Zerbrechlichkeit eine schöne Gestalt ergeben. Der kühle, glatte und fast schwarze Stahl erinnert mich an die Lebensseiten (-zeiten), in denen die Leidenschaft erkaltet ist, in denen vielleicht durch Enttäuschungen, Angst oder Verletzungen Verhärtungen entstanden sind. Während ich Wesenszüge unter der „kalten Schulter“ verstecke, können andere sich an den harten Kanten verletzen. Meine Stahlseiten sind wohl belastbarer und dauerhafter als die offenherzige Seite, aber sie lassen auch weniger Leben – Einblicke und Austausch – zu.
Die Rauminstallation von Frau Dietz beginnt in seiner ganzen Einfachheit viele Fragen zu stellen. Einige seien nur angedeutet: Wie komme ich mit den so verschiedenen Seiten in mir klar? Kann ich Zu- und Ausgänge in mir zulassen, Freiräume respektieren, damit ER Platz hat? Es ergeht mir plötzlich wie in einem Labyrinth. Im Eingehen “auf“ das Kunstwerk bin ich in mich selbst gegangen – und habe vieles über mich erfahren.

Patrik Scherrer / 22.11.2003


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