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Alexandra Königsmann
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Gezeiten-Läufer 1 , 2005

DIRECTprint/Alu-Verbundplatte, 120 x 147 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013/2014
 
Begegnung der anderen Art

Meeresbrandung, hohe Wellen, die am Strand auslaufen, sind auf dem Bild zu erkennen. Darüber gold-schwarze Silhouetten, vage Gestalten – eine Menschengruppe? Gesichter und Körperfragmente sind zu sehen, doch gleichen die Wesen mehr einer flüchtigen Erscheinung. Wie Wellenreiter kommen sie daher. Und die zwei langen Beine der mittleren Gestalt lassen in ihnen am Übergang von Wasser und Land auch Läufer sehen, Jogger, Strandläufer.

Wer kennt nicht diese faszinierende Erfahrung zwischen zwei Welten? Auf der einen Seite die festen und haltgebenden Begrenzungen des Landes, auf der anderen Seite die bewegte Weite des unergründlichen Meeres? Es ist ein Ort der Begegnung, ein Ort der besonderen Erfahrung, auch mit der Gravitation, der Anziehungskraft des Mondes. Da wird die Zeit in einem anderen als dem Tag-Nacht-Rhythmus spürbar. Wer am Strand auf diesem Berührungssaum der verschiedenen Kräfte spazieren gehen will, wird zwangsläufig zu einem Gezeitenläufer, zu jemandem, der auf die Gegebenheiten und ihre besonderen Zeiten achtet und diese Erkenntnis für sein Tun und Handeln einsetzt.

Dieser Deutung ist entgegenzusetzen, dass sich kein Fuß im Wasser befindet, dass kein klatschendes Aufspritzen einen Hinweis auf körperliche Wesen gibt. In goldener Farbe und luftiger Andeutung schweben sie vielmehr über dem Wasser, wie Geistwesen, denen durch den besonderen Ort etwas Mystisches anhaftet.

Dieser Ort ist nicht unbedeutend, treffen sie sich doch am Übergang von Wasser zu Luft, von Erde zum Himmel, vom Wasser zum Land. Ob die Elemente als Gleichnis ihrer Eigenschaften gedeutet werden dürfen? Unaufhörlich wird das Wasser von einer unermesslichen Kraft bewegt und ans Land getrieben. Ist nicht das furchteinflössende Tosen des Meeres, das rauschende Ausrollen der Wellen sogar aus dem Bild heraus zu hören? Gegenüber der uferlosen Weite des Meeres können die Gedanken unwillkürlich schweifen …

Goethe war auf einer seiner Italienreisen so tief beeindruckt von diesem Erlebnis, dass er daraufhin seinen “Gesang der Geister über den Wassern“ schrieb:

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd ...

Und das Gedicht endet mit den Worten: Seele des Menschen, wie gleichst Du dem Wasser!
Schicksal des Menschen, wie gleichst Du dem Wind!

Es kann aber auch sein, dass unsere Gedanken über diese natur-immanenten Vorstellungen hinaus zu einem Schöpfergott schweifen, der ebenso unfassbar groß, machtvoll und unendlich wie das Meer erscheint. Wäre da nicht die menschenähnliche Verkörperung dieser geistigen Wesen auf dem letzten Wellenkamm, würde er uns vielleicht ein abstrakter, ferner Gott bleiben. So aber erinnern sie an eine Gemeinschaft mit menschlichen und göttlichen Zügen gleichzeitig, deuten sie sanft die Menschwerdung Gottes und damit seine Nähe zu uns Menschen an.

Aus dem Urlaub kennen wir den Strand als Ort der Entspannung und der Erholung in dem Erleben des Zusammenspiels der verschiedenen Kräfte. Das Bild vertieft diese Kräfte durch spirituelle Andeutungen, wobei der Titel richtungsweisend unsere irdische Position anspricht: Wir leben auf der einen Erde, aber letztlich sind wir Grenzgänger zwischen zwei Welten. Wie Gezeitenläufer nehmen wir höhere Mächte wahr, die auch unser Leben zu einem kurzen Besuch mit dem Geschaffenen machen, zu einer flüchtigen Begegnung mit der festen Erde, wie sie das Wasser am Strand macht, bevor es wieder von einer geheimnisvollen Kraft ins unendliche Meer hinausgezogen wird.

Patrik Scherrer 07.07.2007


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