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Christiane Vincent-Poppen
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Lichtgeste , 2003

Acryl auf Leinwand, 80 x 120 cm, © Christiane Vincent-Poppe /
www.pilgerwanderweg.org
 
Große Umarmung

Es ist der Vorzug des Künstlers, mit seiner Bildsprache etwas anschaulich zu machen, was jenseits unseres sprachlichen Ausdrucksvermögens liegt. Dabei ist auch das Dargestellte oft nur eine Art vermittelnde Brücke zum Unsichtbaren, das wir wohl wahrnehmen, aber eben nicht sehen können.

Im Bild von Christiane Vincent-Poppe begegnet uns vor einem blauen Hintergrund eine mächtige Licht-Erscheinung. Ihr hellster Punkt leuchtet wie eine Sonne aus der Tiefe dieser Erscheinung. Sie schwebt über einem schalenförmigen Bündel Striche, die auch als Sessel, Arme oder Flügel gesehen werden können – je nach Betrachtungsweise.

Dynamische Energie geht von diesem Lichtkreis aus. Energie, die sich auf der rechten Seite der „Sonne“ sichtbar zu materialisieren scheint und im Gegenuhrzeigersinn stärker werdend letztlich in den schalenförmigen Grundbogen einfließt. Dabei lassen die roten Teile an Blut und Liebe denken – Basiselemente des Lebens, die uns Geschaffenen unaufhörlich aus dem unerschaffenen Licht zukommen.

Diese starke Ausstrahlung wird durch einen weißen Lichtschleier verstärkt, der die Erscheinung kreisförmig durchwirkt und verklärt. Alles ist voller Leben bei dieser Gestalt, die im Himmel zu schweben scheint und ihn durch ihr Licht gleichzeitig in wunderbaren Farben zum Leuchten bringt.

So sehr das Auge bei dieser faszinierenden Erscheinung verweilt, es vermag seine Gestalt nicht auf ein bekanntes Bild zu reduzieren. Einzelne Elementkombinationen ergeben das Brustbild eines Menschen mit weit ausgebreiteten Armen. Durch die lichte Ausdehnung können seine „Arme“ aber auch als „Flügel“ wahrgenommen werden, wodurch sich die Gestalt eines geflügelten Wesens ergibt, das dennoch weder als Taube, als Engel oder als Geist bezeichnet werden kann. Dazwischen, bedingt durch die symmetrische Ausdehnung der Erscheinung, Gedanken an ein Kreuz. – Ein Kreuz, das vom Licht erfasst und durch es verwandelt selbst zur Lichtquelle geworden ist.

In der angedeuteten Form des Gabelkreuzes, einem weit in die vorchristliche Zeit zurückreichendes Symbol für den Lebensbaum, steht es für das Leben schlechthin. Und obwohl man in der Römerzeit dieses Symbol des Lebens zum Werkzeug für den schimpflichsten und unehrenhaftesten Tod pervertierte, hat es durch die Auferstehung Jesu seine positive Zeichenkraft beibehalten. Freilich steht es jetzt auch für den Tod, den der Gekreuzigte mit aller Qual, mit aller Verlassenheit und aller Verzweiflung erlitten hat, ausgeliefert der Frage: Mein Gott, warum …?

Die Antwort – die auch unseren Warum-Fragen einen Sinn geben könnte – ist hier als geheimnisvolles Geschehen ins Bild gesetzt. Es vermittelt erkennbar, aber nicht fassbar, nah und doch entrückt den Übergang in eine andere Wirklichkeit, in der Sprache der Bibel: ins Paradies.

„Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Diese alttestamentliche Frage, die das Sehnen der Menschheit über den Tod hinaus ausdrückt, hat Paulus an die Korinther konkretisierend auf Jesus als den „Erstgeborenen“ bezogen. Und wir „Nachgeborenen“ haben diese Frage bewahrt bis auf den heutigen Tag mit aller Sehnsucht und aller Hoffnung, die in ihr steckt.

Gerade in einer Zeit, in der der Tod nicht mehr die selbstverständlich ins Leben gehörende Rolle spielt wie einst und seine „Öffentlichkeit“ ins Private, ja ins Verborgene und in die Anonymität von Kliniken und Abdankungshallen gedrängt wird, andererseits durch die täglichen Berichte über den aberwitzigen, sinnlosen Tod, den Menschen sich selbst und ihren Mitmenschen zufügen, ein Zerrbild des Todes entsteht, bietet das Bild von Christiane Vincent-Poppe eine ermutigende Perspektive.

Wir werden erwartet. Die erhabene Licht-Erscheinung vermag die geheimnisvolle, lichte und weite Offenheit Gottes zu umschreiben, der uns einlädt, auf ihn zuzugehen und uns im Tod vom Leben umarmen zu lassen, in ihn einzugehen und von seinem Licht und seiner Liebe gleichgestaltend durchdrungen und erneuert zu werden. Der Tod ist kein Ende, er ist „Hinübergang“, Ankommen und Vollendung des Lebens.

Patrik Scherrer / 28.07.2007


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