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Bernd Zimmer
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Spiegelung , 2002

Acryl auf Leinwand, 160 x 200 cm, verso signiert, betitelt und datiert, Foto: Döring,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017
 
Nacht-Landschaft

Das Auge schweift über eine Ebene oder einen See, findet noch Halt an einem schwarzen Hügelzug – oder ist es ein Wald? Ebenfalls am Horizont künden in weiter Ferne einsame Lichter von bewohnten Häusern. Darüber breitet eine unendliche Himmelslandschaft ihren Zauber aus. Helle Wolkenfetzen spiegeln das Licht einer fernen Stadt, und darüber – wie in einer anderen Dimension – funkelt eine Vielzahl von hellen Punkten: leuchtende Sterne, die von fernen Sonnensystemen künden.

Wenn wir versuchen, uns in die Stimmung dieser Nachtlandschaft hineinzufühlen, stehen wir ganz klein unter diesem unermesslichen und unerreichbaren Firmament. Die Landschaft wirkt klein und gibt weder Halt noch Schutz. Auch die Dunkelheit macht uns unsicher – das menschliche Auge ist ja nicht für sie geschaffen. Ohne das Licht des Tages bekommt alles, was uns bedrückt und bedroht zusätzliche Schwere. Andererseits fällt viel alltäglicher Kleinkram ab, weitet sich das Herz für Wesentliches und lässt beim Anblick des Himmelszeltes tiefer atmen.

Spiegelung nennt Bernd Zimmer sein Bild. Warum – können wir nur ahnen. Dag Hammarskjöld fordert in seinem Nachtgedicht dazu auf, jeden einzelnen Tag als ein einmaliges, besonderes Stück des Lebens anzusehen. Das Leben vergleicht er mit einer Schale, die täglich neu gefüllt wird, "denn was vorher war, soll sich nun spiegeln in ihrer Klarheit, ihrer Form, ihrer Weite."

Aber nicht immer oder nur selten wird die Bilanzierung eines Lebenstages voll zufriedenstellen. Und wir spüren – gerade unter dem nächtlichen Himmel, dass uns die Sehnsucht ins Herz gelegt ist: die Sehnsucht nach Mehr, nach einem gelingenden Leben, den Drang, zu neuen Ufern aufzubrechen, die Sehnsucht nach Wahrheit, nach Liebe und Ganzheit – letztlich nach Ewigkeit. Und da sie uns allen ins Herz gelegt ist, können wir wohl auf Erfüllung hoffen.

Spiegelt sich diese Sehnsucht, diese Hoffnung vielleicht in den großen, weißen Gebilden, die schräg nach oben weisen und eine eigenartige Lebendigkeit ausstrahlen? Sind es große Flügel, einer davon wie mit Herzblut getränkt? Spiegelt das Bild das wider, was Joseph von Eichendorff vor langer Zeit in seinem Gedicht "Mondnacht" zeitlos so ausdrückte: "Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus."

Patrik Scherrer / 11.08.2007


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