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Thomas Werk
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Lobgesang nach dem Abendmahl , 2008

Sepia, Schwarze Tusche, Gelbe Tusche, Eisengallus,
Siena gebrannt, Gouache, Kohle auf Papier 99 x 66 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
 
Freudiger, dankbarer Ausdruck

Das erste, was wir von diesem Kunstwerk wahrnehmen, sind wahrscheinlich die wohltuend warmen Farben, verteilt auf dreizehn kreisrunde Formen, und das sie überlagernde und zusammenfassend verbindende bunte Liniengeflecht. Dann spüren wir vielleicht etwas Anziehendes, etwas Lockendes, als wäre hier Wunderbares ausgedrückt, das zu ergründen sich lohnt und das Sehnsucht weckt, teilhabend dabei sein zu dürfen.

Ohne den Hinweis des Künstlers, dass es sich hier um den Lobpreis nach dem Abendmahl handelt, käme man jedoch kaum auf die Idee, in den bunten Kreisen Symbole für eine Mahlgemeinschaft zu sehen. Man muss allerdings wissen, dass Thomas Werk in seiner Bildsprache die menschliche Gestalt häufig auf eine Kreisform reduziert und so das Allgemein-Menschliche vor die Individualität stellt, die er, wenn überhaupt, nur in ganz subtilen Andeutungen zeigt.

Es handelt sich also um eine Szene aus dem Passahfest, das die Israeliten jedes Jahr zur Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft nach einem uralten, im Buch Exodus festgelegten Ritual (Ex 12ff) feierten. Darin spielt der Lobgesang – das große Hallel – den der Hausvater mit seiner Mahlgemeinschaft anstimmte, eine wichtige Rolle. Psalmen wurden gesungen, Texte, die längst zu den Kostbarkeiten der Weltliteratur gehören, weil sie über den historischen Ausgangspunkt hinaus zeitlose Gültigkeit haben. Ein Beispiel:

Lobsinget dem Herr! Denn er ist gut:
Ja, ewig währt sein Erbarmen. …
Rief ich in der Bedrängnis „O Herr“,
So hat der Herr mich erhört, dass ich frei ward.
Wenn der Herr für mich ist, so fürchte ich nichts.
Was kann ein Mensch mir dann antun?...
Besser ist’s, sich zu bergen beim Herrn,
als auf Menschen Vertrauen zu setzen.
(Ps118,1.5-6.8)

Genau diesen Inhalt hat Thomas Werk ins Bild gesetzt: diese tiefe, dankbare Freude, diese Sicherheit gebende Geborgenheit, dies überzeugende Gefühl des Wohlergehens. Doch wie kann ein so komplexer Eindruck vermittelt werden, der durch die Psalmenzitate nur verdeutlicht, aber nicht hervorgerufen wird? – Betrachten wir die Kreisformen noch einmal näher: In warmem Gelb bis Dunkelbraun sind sie in einem einzigen breiten Pinselstrich aufgetragen. Anfang und Ende sind klar erkennbar, ebenso die Spuren der Pinselhaare – ursprünglich Schöpferisches andeutend. Die Kunstformen vermitteln solide Festigkeit, individuelles Leben, das einen inneren Freiraum umschließt.
Wen die Kreise wohl darstellen? Ob die dreizehn Kreise wohl Symbol für das sogenannte „Letzte Abendmahl“ sind, das Jesus mit seinen Freunden gefeiert hat? Vielleicht. Aber dann würden wir einen großen Kreis für Jesus erwarten. Hier sind jedoch drei Kreise deutlich größer dargestellt. Wenn wir allerdings auf den Adressaten des Lobgesanges schauen, dann könnten sie ein Hinweis auf Gott sein: Gott in der Dreiheit seines Wesens, Gott, der verheißen hat, bei uns zu sein, wenn wir in seinem Namen beisammen sind.

Bleibt die Deutung des frohen Liniengeflechts, das über der Ansammlung der runden Elemente einen luftigen, spielerischen Kontrast bildet. Ungeplante Spontaneität spricht aus diesen farbigen Linien: so, wie die Farbe auf das Papier gefallen ist, wurde sie belassen, was sich an Mustern ergab, war gut so. Die feinen Linien blieben unbearbeitet und behielten so ihre zufällige Ursprünglichkeit. Sie erinnern in ihrer formalen Leichtigkeit und Bewegungsvielfalt an die fotografisch festgehaltenen Bewegungen von in der Luft geschwungenen Leuchtkörpern. Wie ein luftig-transparentes Gewölbe breiten sie sich über den Kreisen aus, bewirken Zusammenhang und verbinden zu einer bunten Gemeinschaft. Jeder Kreis behält seine Identität, aber jeder steht in Zusammenhang mit den anderen, die mit ihm zum Fest, zum Lobgesang beisammen sind – wirklich, oder auch in übertragenem Sinn. Denn das gemeinsame Erleben, das gemeinsame Mahl verbindet zu einer Zusammengehörigkeit, die tiefer ist und tiefer bindet, als äußere „Zulassungsbedingungen“ es sein können.

Soweit der Blick auf diese Arbeit von Thomas Werk. Weiter in die Tiefe mag ein Wort von Jehuda Baccon führen, einem großen zeitgenössischen israelischen Künstler, der einmal sagte: „Selbstverständlich gibt es Künstler verschiedenster Art: die einen schaffen mit ihrem Verstand und andere sind „ein Werkzeug“ in der Hand des Schöpfers. Das ist das Höchste, was wir im Leben erreichen können.“ Und so kann ein Kunstwerk entstehen, das ohne eine einzige „religiöse“ Chiffre auskommt, aber geradezu eine Offenbarung vermittelt …

Patrik Scherrer 12.04.2008


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