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Uli Winkler
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Kreuz , 1998

Bronze, 29 x 34 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
 
Kraft der Auferstehung

Bekanntes mit neuen Augen zu sehen ist immer wieder eine anspruchsvolle Aufgabe. Zu schnell trüben vorhandene Bilder den Blick und behindern eine unvoreingenommene Sichtweise. Dies könnte auch bei dieser Bronzearbeit geschehen, auf der ein liegender und ein stehender Mensch gezeigt werden. Letzterer wird durch die ausgebreiteten Arme schnell als Jesus identifiziert. Es ist die Haltung, die er am Kreuz einnehmen musste. Losgelöst vom Kreuz wird die gleiche Haltung aber zu einer Geste der Offenheit und des allumfangenden Willkommen-Heißens.

Gegensätzlichkeit charakterisiert die beiden Personen. Die annähernd gleich großen Rechtecke hinterfangen, wiederholen und betonen ihre Körperhaltung. Der Liegende befindet sich ganz unten im waagrechten Feld, ein Gewandteil fällt über die Unterkante hinaus. Ausgestreckt liegt er da, den Eindruck erweckend, gestürzt oder gefallen zu sein, als kümmerliches Wesen in der Ecke dieser an eine große Kiste oder gar an einen Sarg erinnernden Form.

Doch noch im Fallen scheint er die Hoffnung nicht aufgegeben zu haben. Seine rechte Hand ist hilfesuchend ausgestreckt und erfüllt sein Liegen mit Zuversicht und erwartendem Drängen. Bildlich wird das so zum Ausdruck gebracht, dass der Oberteil des Kopfes und die rechte Hand in den untersten Teil des anderen, senkrechten Elementes hineinragen, das wie zwischen dem waagrechten Feld und der liegenden Person eingeschoben erscheint.

Damit wird diese im Sterben begriffene oder bereits verstorbene Person in zweifacher Weise von oben her dem Tod entrissen: von oben wie auch in den verschiedenen Bildebenen. Die offene Hand wird dabei zum spannungsgeladenen Wendepunkt. Darüber taucht wie aus dem Nichts aus der gleichmäßigen Oberfläche der Grundplatte der senkrechte Mensch auf: als Auferstehender. Neue Kraft ist in ihn eingekehrt, ein neues Gleichgewicht, auch ohne Bodenhalt. Die Schwerkraft der Erde ist überwunden. Losgelöst, ja erlöst von allen Gebundenheiten schwebt er nun vor der Mitte des vertikalen Hintergrundes. Die gleiche Macht, die Jesus den Toten entrissen und dem Leben zugeführt hat, ist nun auch sein Halt und sein Heil geworden. Frontal dem Betrachter zugewendet, hoheitlich über alles Erniedrigende und Erdrückende erhoben, dringt die befreiende Geste des Auferstandenen durch und wird die Seine. Die ausgebreiteten Arme signalisieren eine neue, alle Grenzen überschreitende Weite. Alle sollen an diesem neuen Leben teilhaben, in ihm Zuversicht, Halt, Kraft und Dauer finden.

Die Waagrechte und die Senkrechte des Kreuzes sind noch zu erkennen, können aber in dieser Form nicht mehr Marter und Tod bringen. Sie haben eine dynamische Form angenommen und einen Weg geöffnet, der letztendlich ins Leben führt.

Patrik Scherrer / 26.04.2008


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