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Marc Fromm
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Krippe , 2008

Lindenholz, teilweise bemalt und vergoldet, diverse Metallattribute, gefördert durch die Kunststiftung Sachsen-Anhalt, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
 
in der Luft hängend …

Nichts, aber auch gar nichts deutet bei dieser Imbissbude von Marc Fromm auf Weihnachten hin.

Eine Installation aus Lindenholz und Stahlblech – in der Luft schwebend, ein Teil mit dem anderen verbunden. Als tragendes Element eine fahrbare Imbissbude mit offener Markise. Sie ist leer, es wird nichts zu essen oder zu trinken angeboten in ASIA, wie die große Schrift diesen Ort bezeichnet (Detailbild). Dennoch hat der Mann eine Portion Pommes vor sich auf dem Stehtisch. Rechts oben an der Imbissbude ist eine Satellitenschüssel angebracht. So sehr sich die Bude verweist gibt, sie scheint auf Empfang gestellt.

Außer dem Mann halten sich noch eine Frau mit einem Kinderwagen und, hinter ihr verborgen, ein Hund vor dem Stand auf. Eine Familie? Ihrer Kleidung und ihrem Aussehen nach scheinen sie aus der unteren Gesellschaftsschicht zu stammen. Der Mann steht in lethargischer, gelangweilt wirkender Haltung am Tisch –wartend. Auffallend sind sein kahler Kopf, die verspiegelte Sonnenbrille, das große keltische Tattoo auf seinem nackten Oberkörper, die mit einem großen Kreuz gekennzeichnete Umhängtasche (Detailbild).

Ihm gegenüber steht eine junge untersetzte Frau, ihrem Äußeren nach ebenfalls aus der Szene stammend (Detailbild). Mehrere Piercings und modischer Schmuck betonen ihr schönes Gesicht und die gepflegten Haare mit lockiger Fülle bis zur Auffälligkeit. Ungeachtet der üppigen Körperformen bedeckt nur ein knappes Top den Oberkörper, ganz im Gegensatz zum langen Rock. Ihre Augen schauen gedankenverloren in die Ferne. Dennoch hält sie verantwortungsbewusst in der einen Hand den Kinderwagen mit ihrem Kind, mit dem angewinkelten Oberarm die Leine des Hundes, der mit dem Stachelhalsband einen recht gefährlichen Eindruck macht (Detailbild). Sucht sie vielleicht einen Ort, oder viele Orte, um diesen geheimnisvollen Zustand des Schwebens zu erden?

Obwohl sie alle miteinander verbunden sind, geht von ihnen Heimatlosigkeit aus. Sie sind moderne Straßenmenschen, deren Bezugspunkt gerade noch die fremde, asiatische Imbissbude um die Ecke ist. Eine erwartende Stille geht von diesem Ensemble aus. Sehnsucht nach mehr. Abseits von den vielen Aktivitäten, abseits von den großen Menschenmengen oder den bekannten Zentren liegt hier etwas in der Luft, etwas Neues, das noch nicht richtig begonnen hat, dem noch das Wichtigste fehlt.

Lange Zeit haben wir die Vorstellung vom Lebensanfang Jesu den ersten drei Evangelien entnommen und nach dem jeweiligen Zeitgeschmack ausgeschmückt zu einem zwar armseligen, aber doch lieblichen, gemütvollen Ereignis, zu dem die Hirten von den Feldern mit Geschenken eilten. Marc Fromm hingegen scheint sich an die herbe Darstellung des Johannes zu halten: „die Welt hat ihn nicht erkannt. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“. Stille um ihn herum. Nur zwei ungewöhnliche Gestalten, die man wohl eher als Vertreter der Menschen sehen kann, zu denen Jesus in besonderer Weise gesandt ist: zu den Sündern, Ehebrechern, Dirnen und Zöllnern und nicht als Maria und Josef.

Das Kind, das sich trotz allem im Zentrum der Beiden befindet, lässt sich nicht sehen. Es bleibt im Kinderwagen, der modernen Krippe, dem Betrachter verborgen und fordert ihn heraus, es in seiner Abgeschiedenheit zu suchen, sich ihm so zu nähern und über es zu beugen, um es zu sehen – so sehr ihn die vielleicht ungewohnte Umgebung und ihre Personen abschrecken. Aber ob sie uns ein Ärgernis ist oder nicht: h i e r ist das Kind und hier ist es angenommen und wartet darauf, entdeckt, gefunden und auch angenommen zu werden. Denn „wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren“, heißt es im Cherubimischen Wandersmann von Angelus Silesius. Und bei Marc Fromm könnte es heißen: du könntest ihn nicht sehen und alles bliebe in der Luft hängen.

Patrik Scherrer / 23.12.2008


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