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Anselm Kiefer

Ave Maria Virgo Potens
2007

Öl, Emulsion, Acryl, Schellack, Blei, getrocknete Rosen, Terrakotta, Karton auf Holz unter Glas, 215 x 140 cm, © courtesy by Galerie Ropac Salzburg


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Ave Maria, virgo potens – ein Andachtsbild?

Anselm Kiefer liebt es, kurze, prägnante Worte in seine Arbeiten zu integrieren. Als Schrifthinweise deuten sie eine mögliche Interpretationsrichtung der verwendeten Materialien an, führen den Betrachter allerdings oft in ein Dilemma zwischen dem Bezeichneten und dem Dargestellten. Denn der Künstler spannt weite Bögen und verarbeitet existentielle Themen gerne in Verbindung mit gesellschaftspolitischen Ereignissen und unter Berücksichtigung ethischer Dimensionen. Insbesondere die Rückbesinnung auf die Vorgänge in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist ihm wichtig. So stellt sich auch hier die Frage, was Inhalt und Botschaft dieser Arbeit sein könnte.

Irdische Sehnsucht
Durch die Verwendung verschiedener, auch authentischer Materialien begegnet uns ein mehrschichtiges Bild, das allein durch seinen Aufbau Tiefe aufweist und den Betrachter einlädt, diese auszuloten. Wenngleich die graubraunen und rotfarbenen Farbtöne eine warme Atmosphäre schaffen, so ist das Bild doch von Durst und Sehnsucht nach Begegnung und Erfüllung geprägt.
Die Boden bildende Lehmschicht (Detailbild) erzählt selbstredend davon. Einst war sie durch das verbindende Wasser geschmeidig und fruchtbar, nun ist sie ausgetrocknet und von Rissen durchzogen ein Bild des Elends und der Machtlosigkeit. Noch künden die Rosen von der einstigen Kraft, Nährboden zu sein, aber die Erde ist zum wackeligen Halt für die ebenso trockenen Blumen verkommen. Noch ist das aufstrebende Element und die einstige Schönheit der Rosen spürbar. Die Liebeserklärung steht noch. Das Verlangen nach Licht, Wasser und Wärme bleibt bestehen, die Sehnsucht nach neuem Leben.

Göttliche Antwort
Als ein Gegenüber (Detailbild) hängen von oben herab weitere getrocknete Rosen ins Bild. Ein Spiegelbild? Oder steht hier etwas Kopf? Oder wird da eine Grenze angedeutet, die überwunden werden kann? Außer dem Bildrand haben diese Rosen keine wirkliche Basis. Allerdings bergen sie ein geheimnisvolles schwarzes Kreiselement mit einer dunklen Mitte. Im oberen Bereich des Bildes angeordnet, könnte es auf eine übergeordnete Unendlichkeit hinweisen. Gleichzeitig lässt es an ein Auge denken, das sich in der christlichen Bildtradition häufig als Symbol für Gott findet.
Durch die vertikale Gegenüberstellung stehen die beiden Rosengruppen in einem Dialog zueinander. Ein stummes Gespräch, bei dem die Bewegung der oberen Rosen auf die der unteren eine Antwort zu geben scheint. Eine Antwort, die direkt mit den von Hand in dieses Spannungsfeld geschriebenen Worten „Ave Maria, virgo potens“ zu tun haben muss.

Maria als Mittlerin
„Ave Maria“ – wer kennt nicht die lateinischen Anfangsworte des Engels bei der Ankündigung ihrer Erwählung zur Mutter Gottes und ihr schlichtes Ja auf das Unfassbare? Und da die Erde alles Leben hervorbringt, steht Maria als gesprungene Erde symbolisch für die Erwartung des Volkes Israels, dass ein starker Retter es von der römischen Besatzungsmacht befreien wird.
Unerwartet folgt nach dem „Ave Maria“ ein „virgo potens“ und nicht das „gratia plena“ aus dem „Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade“. Was wohl der Grund für diesen anderen Wortlaut sein mag und woher die Worte stammen mögen, die durchaus mit Maria und ihrem bedingungslosen Sich-zur-Verfügung-Stellen zu tun haben? Die Spur führt zur Lauretanischen Litanei mit dreiundfünfzig zum Teil sehr bildhaften und poetischen Anrufungen der Muttergottes, denen stets ein „bitte für uns!“ folgt. Dieses Gebet ist seit dem 16. Jahrhundert im Wallfahrtsort Loreto in Italien bezeugt und hat seither die Bitten vieler Menschen gebündelt. Unter den Anrufungen findet sich auch „virgo potens, ora pro nobis“ – „mächtige Jungfrau, bitte für uns!“ Maria und Macht? Geht das zusammen? Sie schreibt sich selbst keine Macht zu. Sie war gewissermaßen genauso ohnmächtig und kraftlos wie wir. Aber ihre Offenheit für den Anruf Gottes und ihr Einverständnis zu seinem Vorhaben müssen eine einzigartige Nähe geschaffen haben. Wer also Maria als „Virgo potens“ verehrt, der glaubt, dass seine Bitten durch ihre Mittlerschaft verstärkt an Jesus herangetragen und auf Grund ihrer Herzensnähe bevorzugt erhört werden. Die vielen Votivtafeln in den Wallfahrtsorten der Christenheit bezeugen dies.

Der leidtragende Mensch
Der Künstler zitiert mit diesen beiden Wortpaaren also den Anfang eines Gebetes. Da er weder ein „ora pro nobis“ noch eine Bitte hinzugefügt hat, muss das Bild selbst auf eine Bittstellung befragt werden. Hinter den Rosen zeichnet sich tatsächlich die halb verborgene Gestalt eines Mannes ab, von dem in Bildmitte der nach links blickende Kopf, rechts davon sein angewinkelter rechter Arm und darunter ein nackter Oberschenkel erkennbar sind. Er mutet wie ein Riese an, von Gestalt her mächtig genug, um sich helfen zu können. Es sieht so aus, als würde er tief im Dreck stecken, beladen mit einer Last, die dunkelgrau aus der Erde aufsteigt und sich über ihn legt. Ist nicht ein Auge und ein schelmisches Grinsen in diesem Schatten zu entdecken, der wie eine Schuld in unentwegtem Dialog mit dem Gewissen des leidtragenden Menschen bleibt? (Detailbild)
Nur eine machtvolle Hilfestellung kann seine Not wenden. Ob die mit Licht durchtränkten Grauschattierungen im Hintergrund dafür stehen könnten? Das rostbraune Dunkel verdrängend, kommen sie wie eine Wolke auf die menschliche Gestalt herunter und umgeben sie stärkend und erhellend. Als verbindendes Element könnte diese mächtige Helligkeit in aufsteigender Richtung als Maria gedeutet, herabkommend als göttliche Gnade oder Hilfe gesehen werden. Aber auch andere Deutungen des nicht unwesentlichen Geschehens im Hintergrund sind möglich.

In seiner Offenheit hat dieses Bild mit bekannten Andachtsbildern letztlich wenig zu tun. Dennoch greift es elementare menschliche Regungen auf, schafft Identifikationsmöglichkeiten und unaufdringliche Zugänge zu Gott. Anselm Kiefer hat mit dieser Arbeit bewusst oder unbewusst eine einladende Ermutigung geschaffen, dass im Gebet zu Maria und damit zu Gott eine gewaltige Kraft steckt. Also doch ein Andachtsbild?

Dieser Bild-Impuls wurde in der Ausgabe 4/2008 der Zeitschrift "das münster", Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft erstveröffentlicht.

Patrik Scherrer / 03.01.2009


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