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Gielia Degonda
[Künstlerwebsite]

Fastentuch in der Klosterkirche Engelberg
2009

650 x 370 cm
Material: DEKO POL SOL
© Gielia Degonda

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Wesentliches

Isoliert vom barocken Umfeld der Klosterkirche Engelberg mag die große violette Fläche mit den paar weißen Strichen asketisch anmuten. Wenn wir uns jedoch vergegenwärtigen, dass diese Arbeit als großes Fastentuch den zentralen Hochaltar verdeckt und somit inmitten der bewegten Barockarchitektur mit ihren Zeichen einen starken Kontrapunkt setzt, dann erhält die Arbeit ein ganz anderes Gewicht. Sie lenkt in den von visuellen Reizen verwirrten und ermüdeten Blick auf das Wesentliche und schenkt ihm Momente der Ruhe. (Innenansicht der Klosterkirche)

Violett ist von alters her die Farbe der Advents- und Fastenzeit. Als Farbe zwischen Rot und Blau vermag sie das „Ringen des Geistes mit dem Fleisch und die Zerknirschung des Herzens auszudrücken.“ (G. Kranz) Violett ist damit der gefühlte farbliche Ausdruck für Leiden, Trauer, Umkehr und Buße. In der randlosen Fläche steht sie auch für das Ewige und im Hochformat des Bildes für die Verbindung zwischen Gott und Mensch.

Die im oberen Drittel angeordneten weißen Striche lassen den Betrachter aufblicken. Der möglicherweise gesenkte Kopf wird gehoben, der Blick in die Höhe gelenkt. Die fünf Linien gruppieren sich zu einem symbolischen Zeichen, das sich auf ganz unterschiedliche Weise interpretieren lässt.

In ihrer waagrechten und senkrechten Anordnung können sie ein Kreuz andeuten. Die Fünfzahl der Linien mag an die Wundmale Christi denken lassen.

Als weiße Spuren zeichnen die Linien aber auch Wege mit Unterbrechungen und Abzweigungen. Wege, die horizontal wie vertikal gegangen werden können. Wege, die links und rechts über die Grenzen des Tuches hinausweisen. Wege, die mit ihren Kurven und Brüchen unseren Lebenswegen gleichen. Die verlaufen auch nicht immer gerade. Oft genug ist Innehalten, Besinnung und Umkehr gefordert, gilt es, einen Neuanfang zu wagen. Und oft erkennen wir erst aus Distanz und unter Einbezug der Fehlstellen, dass unser Leben doch ein Ganzes ergibt.

Die gewellten Linien lassen Bewegung spüren, Bewegung, wie sie der Luft innewohnt oder auch im Wellenspiel des Wassers zu beobachten ist. Leicht schwebt so das Leben über der das Leiden andeutenden Grundfläche. Zusammen mit der weißen Farbe klingt damit bereits etwas von der Auferstehung an, bricht wie durch Risse im Grundgewebe das österliche Licht des neuen Lebens hervor.

Patrik Scherrer / 14.03.2009


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