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Hans Thomann
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100 Worte zum GLAUBEN , 2009

Pfarreizentrum der Kath. Kirchgemeinde Wil (Kt. St. Gallen, Schweiz)
 
Unfassbarer Halt

Im Pfarreizentrum der Katholischen Kirchgemeinde in Wil finden sich an öffentlich zugänglichen Stellen wie Korridore und Treppenhaus 100 Wörter wie Gefühle, Amore, Krieg, Wow, Zweifel oder wie im Bild Halt in die Ziegelsteinwände gemeißelt. Die Worte treten kaum in Erscheinung (Detailbild). Sie sind einfach aus dem Ziegelstein herausgehauen, fallen nur durch das Spiel von Licht und Schatten auf. Schlicht und zurückhaltend sind sie präsent, laden zum Entdecken ein, zur Sinnsuche. Wer ihnen folgt, muss sich im Haus bewegen, unterschiedliche Standpunkte einnehmen. Dem einen Besucher mögen sie geheimnisvoll erscheinen, dem anderen vielleicht unverständlich. Begegnungen werden sich ergeben, vielleicht Gespräche über die Bedeutung dieser eigenartigen Wörtersammlung.

Denn nirgends steht geschrieben, dass diese Worte anlässlich des Totalumbaus des Hauses 2008-09 aus einer Umfrage bei den Gläubigen hervorgegangen sind. 584 Personen zwischen acht und 92 Jahren haben mit 1146 Begriffen auf die Frage geantwortet: „Welche zwei Worte sind für Sie / Dich im Zusammenhang mit GLAUBEN die wichtigsten?“ Es wurden sehr persönliche Begriffe gesucht, die viel mit der entsprechenden Person zu tun haben. Dabei wurden 65 Begriffe 652 mal erwähnt. Ausgewählt wurden:

Wasser Glück Trost Hilfe individuell fromm Gott Liebe Brot Zukunft Amore Engel Vertrauen Kraft Hoffnung Jesus Kirche Leere Geborgenheit Gebet Gemeinschaft Leben Sicherheit Licht Zuversicht Frieden Religion Zweifel Halt Familie Freude Ruhe Bibel Wärme Himmel ewig Geschenk Krieg schwer Luce Geist Stütze Maria Freunde Schatten Geld Weg Humor Kleider Herz Salz Verità Weg Gefühle Kontakt Angst Krampf Geheimnis Fest Treue Ziel Rückhalt Erfahrung viel Fanatismus Lügen forza Glut Spass via – offen Variationen Wow Schmerz Beweis Erde Kunst Corazón Vater Quelle Ewigkeit leicht Tod Macht Augen Suche Freundschaft Leid nichts Sinn Schönheit Heimat gleich Freiheit Mut Amen Stärke ? Kritik

Stellvertretend für alle anderen Wörter sehen wir im Bild das Wort Halt. Es lässt an Halt, Stopp, Anhalten, Innehalten, Aushalten usw. denken. Gleichzeitig mag die Frage nach dem Halt und Haltgebenden im Leben sich stellen ... Sinnsuche. Was bedeutet der Glaube für mich? Woraus besteht er? Worauf ruht er, was gibt ihm Halt?

So wie die Wörter im ganzen Haus verteilt sind, so haben viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen den Glauben an Gott. Ohne sie würde das Gebäude des Glaubens zusammenbrechen. Sie tragen es.

Zentraler Mittelpunkt ist Jesus, den der Künstler im großen Saal in Spiegelkontur so dargestellt hat, dass sich die Anwesenden in ihm spiegeln und wiederfinden können.

Mit einer zwölffarbigen Wand im Café wird an die Apostel erinnert, welche als Zeugen den Glauben an Jesus in die Welt hinausgetragen haben. Die einzelnen Farben finden sich an den Decken der Versammlungsräume wieder.

Die Gemeindemitglieder sind die heutigen Glaubenszeugen. Dadurch, dass sie ihre persönlichen Glaubenserfahrungen in die Gestaltung des Pfarreizentrums einbringen konnten, kommt zum Ausdruck, dass jeder Einzelne wesentlicher „Teil“ dieser Glaubensgemeinschaft ist. Sie sind unverzichtbare Bausteine dieses Hauses, das glaubenden Menschen offen steht, Menschen, die sich von Gott gehalten und geführt erleben, Menschen, die aus einer inneren Haltung heraus bewusst einander Halt sein wollen. Wie die im Haus verteilten Wörter wirkt jeder auf seine Weise und an seinem Ort. Kein menschliches Wesen kann ihr Wirken mit einem Blick erfassen. Es braucht viele Begegnungen und Erfahrungen, um die Vielfalt und Tiefe des Glaubens in seiner Fülle kennen zu lernen. Von außen mag die Ausstrahlung dieser Glaubensgemeinschaft spürbar sein. Wer jedoch ihr Leben kennen lernen will, der muss sich auf sie einlassen, hineingehen, sich mitten unter sie begeben. So wird er den Glauben von innen kennen lernen, seine Faszination und sein Halt gebendes Wesen in direktem Kontakt gleichsam berühren können. Auch wenn die Größe des Glaubens letztlich unfassbar bleibt.

Patrik Scherrer / 03.10.2009


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