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Louise Bourgeois

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Don’t Swallow Me! , 2008

Radierung, Tusche, Gouache, Bleistift und Stoff auf Papier auf Holzplatte aufgezogen,
151,1 x 180,3 cm, © Louise Bourgeois Trust/VG Bild-Kunst, Bonn 2017
 
Aufschrei

Es gibt Kunstwerke, vor denen man einfach stehen bleiben muss. Sei es wegen ihrer Schönheit, ihrer Ausstrahlung oder ihrer Eigenartigkeit. Diese vorliegende Arbeit gehört meines . Erachtens. zu den Letzteren. Ein Kleidungsstück, ein alter Unterrock wurde leicht nach links verschoben mittig auf das Papier gebracht und so ausgebreitet, dass ein dreifacher ovaler Kreis entstanden ist. Während der Stoff in der Mitte relativ flach aufliegt, sind die äußeren beiden Stoffkreise angekraust und durch weiße Bänder gehalten. Dadurch erhält das zentrale Geschehen eine Ausstrahlung. (Detailbild)

Ein braunes Band hält die Mitte zusammen und bildet nun eine T-Form mit zwei fast unscheinbaren Öffnungen. Unter dem Stoff sind in der Mitte, dann unter dem inneren weißen Band, nach unten auslaufend und nach oben ein Medaillon bildend kreisförmige Zellen auf das Papier gemalt worden. Was sie wohl zu bedeuten haben? Ob sie in freier Form an die Zellteilung erinnern wollen, an die Entstehung eines neuen Lebewesens und seinen verübergehenden Wohnsitz unter diesem Rock? Die kleine Öffnung in der Mitte und die Doppelschnur unten links mögen die Vermutung unterstützen, führt die Schnur doch wie eine abgetrennte Nabelschnur von der leicht eingeschobenen Ovalseite weg. Hier werden Mutter und Kind thematisiert, Geburt und Erscheinen in der Welt.

Die Doppelschnur bildet gleichzeitig den unteren Abschluss von drei mit Bleistift weit auseinander geschriebenen Worten: „Don’t swallow Me!“ Zu deutsch: „Verschluck mich nicht!“ Als müssten sie diese Worte dramatisch unterstützen, sind auf die andere Rockseite zwei geradezu unendlich lange Arme gemalt, die hilfesuchende Hände weit nach oben strecken, geradezu in den mit weißen Pinselstrichen angedeuteten Himmel hinein (Detailbild). In ihrer roten Einfärbung äußern sie einen langen und furchtbaren Hilfeschrei. In welcher Verlorenheit und Verdrängung muss sich dieser Mensch befinden, dass er sich an der Mutter vorbei derart nach Freiheit – und die weiße Farbe deutet auch Reinheit und Unschuld an – sehnt? Was ist da an Unterdrückung geschehen, dass die Hände und Arme so blutig rot sind?

Der das Bild beherrschende Frauenrock schweigt in majestätischer Dominanz und Reinheit, verdeckt so gut wie möglich, was unter ihm geschehen ist. Aber das Vergangene kann nicht verborgen bleiben. Als reales Geschehen prägt es die Betroffenen und hat Auswirkung auf ihre Umwelt.

„Verschluck mich nicht!“ ist der bittende Protestschrei des Kleinen, die Auflehnung des Machtlosen gegen das vereinnahmende Handeln der Mächtigen. Hier lehnt sich die Künstlerin gegen ihre längst verstorbene Mutter auf, aber das Geschehen kann sich in gleicher Weise wiederholen in allen zwischenmenschlichen Beziehungen, sei es in der Partnerschaft, der Familie, in Gesellschaft Politik, Wirtschaft oder der Rechtsprechung. Die Arbeit erinnert letztlich, dass es viel, viel schwerer ist, den Mitmenschen als gleichberechtigtes Wesen zu achten und zu behandeln, als sich auf seine Kosten zu profilieren. Auch wenn dies unbewusst geschieht. Die Arbeit zeigt zudem, dass Gerechtigkeit nicht einfach so geschieht, sondern immer einer Anstrengung bedarf, eines Einsatzes für den Schwächeren, der auch Wiedergutmachung nach geschehenem Unrecht beinhalten muss.

> Website der Galerie Karsten Greve in Köln

Patrik Scherrer / 17.10.2009


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