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Erich Krian

Kreuztuch zwei – semi croce
2009

Unterbodenschutz, Ölspachtel, Ölfarbe auf Nessel, 171 x 78 cm, © Erich Krian

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Erfahrungsräume des Glaubens

Ungewohnt frei hängt die Leinwand im Raum (Detailbild). Kein Rahmen und kein Glas trennt den Betrachter vom Kunstwerk. Vielmehr trennt die Leinwand selbst den Raum wie ein Flächenvorhang. Damit signalisiert die Arbeit einen Zugang, bei dem der Betrachter entweder betrachtend davor bleiben oder sich in den Raum dahinter begeben kann. Es gibt kein Dazwischen.

Das auf die Leinwand gemalte Motiv zeigt keine festen, eindeutigen, sondern geschichtete, durchscheinende, andeutende Flächen (Detailbild). Graublauschwarz dominiert das Bildformat in ganzer Höhe und halber Breite eine Kreuzform. Dem rechten Querbalken nach ist die Senkrechte aber nicht nur zur Hälfte, sondern in ganzer Breite abgebildet. So hängt das Kreuz frei schwebend dem Luftstrom ausgesetzt am Kircheneingang und tritt mannshoch dem Betrachter gegenüber. Den rechten Arm wie zum Empfang ausgebreitet. Das ihn teilweise überlagernde rote Feld kompensiert durch seine formale Ähnlichkeit den fehlenden Kreuzarm und verstärkt in seiner nach außen nachlassenden Farbintensität die vom Kreuz ausgehende Ausstrahlung, die sicher auch als Herzenswärme gedeutet werden darf. Wer diesem Kreuz begegnet, darf trotz des eingeschriebenen Leids auf Zuneigung und Liebe hoffen.

Und wer sich auf die Auseinandersetzung mit diesem Kreuz einlässt, den erwarten – wie es die an Menschenkörper und -köpfe erinnernden Schattierungen im obersten Viertel wie in der unteren Hälfte andeuten – ganz unterschiedliche Begegnungs- und Erfahrungs-räume.

Unten links gibt warmes, hinter dem Kreuz hervorleuchtendes Licht den Schatten einer stehenden Person frei, welche wartet, nachdenkt, aber nicht den Schritt auf das Kreuz zu und in es hinein zu wagen scheint. Ist es, weil sie die durch die Spachteltechnik erzeugten Spuren, die undeutlichen Schatten menschlicher und tierischer Köpfe nicht zu deuten vermag? Oder ist es ihr zu dunkel oder chaotisch, einfach zu unklar, wohinein sie da genommen wird, wenn sie gehen würde?

Wie als Gegenüber zum Zaudernden ist im oberen Bildbereich der Kopf einer Person zu sehen, die gerade dabei ist, sich in den Kreuzraum hinein zu begeben. Die offenen Augen und der Farbwechsel suggerieren, dass sie sich auf eine andere Wirklichkeit einlässt. Die blaue Farbe und der Kopf deuten an, dass diese Wirklichkeit mit geistigen und himmlischen Werten verbunden ist und sich im Glauben erschließt. Das lässt die dargestellten Augen Zuversicht ausstrahlen.

So vermag das Kreuztuch von Gottes und des Menschen Kreuzweg zu erzählen. Von Gottes Leid, dass er die Menschen bedingungslos liebt, sie diese Liebe aber nicht vorbehaltlos annehmen. Von der menschlichen Zerrissenheit erzählen die Eindrücke auf diesem modernen „Schweißtuch der Veronika“, weil unser Verstand nach Sicherheit und Gewissheit strebt, sich die ganze Wirklichkeit und nachhaltiges, erfüllendes Glück aber nur dem erschließen, der im Glauben und Vertrauen in einen Anderen lebt. Denn nicht allein das, was mit den Augen gesehen, mit den Händen gegriffen und mit dem Verstand begriffen wird, zählt, sondern das mit dem Herzen Gefühlte und damit im und durch das Leben und Handeln Gott Geantwortete- und damit auch Verantwortete.

Patrik Scherrer / 27.03.2010


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