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Michael Fischer-Art
[Künstlerwebsite]

Nepperwitzer Altar
2005

Altar in der evang.-luth. Kirche Nepperwitz
Fotos: Kirstin Thöting / www.europa-erfahren.de
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016


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Erinnerung und Mahnung

Bunt und farbenfroh zeigt sich der dreiteilige Flügelaltar in der Dorfkirche von Nepperwitz (Sachsen) dem Betrachter. Die comicartige Bildersprache überrascht auf einer Altartafel. Im Mittelpunkt steht ein einfach gewandeter Mann auf einer angeschnittenen Weltkugel, der mit seinen stark seitlich gedrehten Füßen eine der fünf gemalten Inseln bedeckt. Auch seine Hände sind weit geöffnet. Wie die Füße sind sie mit Wundmalen gezeichnet. Dieser Mann ist Jesus. Seine Hände sind geheimnisvoll mit einem großen Buch verbunden, da ein Halten auf diese Weise physikalisch nicht möglich ist. Aus den Linien auf dem Buchdeckel könnte man schließen, dass seine Energie in dieses Buch, wahrscheinlich die Bibel, hineingeflossen ist. So wie es neben ihm dargestellt ist, erhält es die Bedeutung eines Nachfolgers. Auf dem Buch steht ein Menschenpaar, mit dem sich Jesus auf Augenhöhe unterhält. Spricht er zu Adam und Eva die Worte, die er letztlich an uns alle richtet? Versucht er mit ihnen wieder ins Gespräch zu kommen, nachdem sie auf die Schlange mehr als auf seinen Vater gehört hatten? Seine in der Bibel überlieferten Worte sind jedenfalls für sie und ihre Nachfolger Lebensgrundlage.

Links und rechts von Jesus hat der Künstler gleich einige Worte (Lutherbibel) festgehalten (Detailbild): „Und ich sah einen großen, weißen Thron und der darauf saß; vor seinem Angesicht flohen die Erde und der Himmel und es wurde keine Stätte für sie gefunden.“ (Offb. 20,11) „Siehe, ich komme bald. Selig ist, der die Worte der Weissagung in diesem Buch bewahrt.“ (Offb. 22,7) „Wer Böses tut, der tue weiterhin Böses, und wer unrein ist, der sei weiterhin unrein.“ (Offb. 22,11a) Diese mahnenden Worte aus dem letzten Buch der Bibel sollen anscheinend besonders beherzigt werden. Doch hat Jesus letzteres wirklich gesagt? – Isoliert gesagt wirkt es wie eine Provokation, weckt Zweifel und verleitet, die Aussage in der Bibel in ihrem Zusammenhang zu überprüfen … und schon ist man oder frau zum Bibelleser geworden.

Die obere Bildhälfte wird von einer großen Sonne geprägt, in deren Mitte der Beginn der abschließenden Mahnung des Engels an den Seher Johannes wiedergegeben wird: „Und er sprach zu mir: Diese Worte sind gewiss und wahrhaftig; und der Herr, der Gott des Geistes der Propheten, hat seinen Engel gesandt, zu zeigen seinen Knechten, was bald geschehen muss.“ (Offb. 22,6) Ein Wolkenkranz umgibt die hellroten Strahlen der Sonne und bewirkt eine Gewitterstimmung. Der Himmel ist bereits von sintflutartigem Regen erfüllt. Klärung der Spannungen, Reinigung ist da angedeutet, gleichzeitig erinnert das viele Wasser an die Überschwemmung von 2002, bei der auch der Kirchenraum gelitten hatte. Ob das Schiff unten auf dem Erdenrund mit der von ihm emporwachsenden Pflanze und dem Vogel an die Arche Noah erinnern will? Oder möchte dieses spielerische Element auch unser Verhältnis zur Natur ansprechen, unsere Verantwortung und unseren Umgang mit ihr?

Über den leicht gewölbten Horizont der Mitteltafel werden wir zu den Seitentafeln geführt, auf denen sich die Wölbung wie jene unserer Erde fortsetzt. Eindeutig sind links das Letzte Abendmahl und rechts die Kreuzigung zu erkennen. Ungewohnt präsentiert sich die lange rote Tafel mit ihren Einbuchtungen bei den Händen der Sitzenden, die so an angeknabbertes Essen erinnert (Detailbild). Der Tisch ist vertikal im Bildraum angeordnet, so dass die zwölf Jünger seitlich und Jesus ganz oben sitzen. Die Figuren bestehen meist nur aus Kopf und einem Arm. Unten links wendet sich ein weißes Gesicht von der Tafel ab. Durch seine Körperhaltung und den Geldbeutel lässt es sich als Judas gehörend identifizieren, der sich gerade davon macht.

Über Jesus ist in den Wolken noch ein Gesicht zu sehen. Flügelartige Gebilde unter seinem Kopf lassen in ihm einen Engel erkennen. Ob es der Engel ist, der mit dem Seher Johannes sprach? Oder wacht er über dem nächtlichen Geschehen und kündigt das dem Abendmahl folgende Gebet im Ölberg an? Mehrere Ansichten sind möglich. So wie der Maler das linke Auge von Jesus außerhalb seines Kopfes gemalt hat, deutet vieles auf Letzteres hin. Jesus erscheint dadurch wenig bei seinen Jüngern präsent, sondern in Gedanken bereits bei der bevorstehenden Kreuzigung verweilend.

Im Gegensatz zur Farben- und Formenfülle in den besprochenen Altarteilen hat der Künstler die Kreuzigung sehr karg gemalt. Eine Wüstenlandschaft mit rotem Himmel bildet den Hintergrund, der Gekreuzigte selbst ist ohne Farbe dargestellt. So wird angedeutet, dass er sich trotz erhobenem Kopf im Übergang zum Tod befindet. Alle Farbe ist bereits von ihm gewichen. So wie die schwarzen Linien die weiße Fläche einfassen, ist sein Körper nur noch Hülle, aus der sich die Seele bereits ins Licht geflüchtet hat. So wird nicht nur Jesu Tod, sondern auch unsere Vergänglichkeit und Hoffnung thematisiert. Dass die beiden Profile von Jesus und der Kopf des Engels zusammen ein auf Adam und Eva und die Kreuzigung weisendes Dreieck bilden, wird nicht Zufall sein, sondern unterstreicht, dass wir alle sterben müssen und es gut ist, sich zu Lebzeiten darauf vorzubereiten.

In geschlossenem Zustand (Detailbild) zeigen die Seitenflügel Menschen, Bäume und Häuser bei Hochwasser. Die einzeln aus dem Wasser ragenden Hände signalisieren Verlorenheit und gleichzeitig die Bitte um Hilfe. So sehr die Bilder an das Hochwasser von 2002 erinnern sollen, thematisieren sie auch die grundlegende Hilfsbedürftigkeit von uns Menschen wie z.B. in der derzeitigen Informations- und Bilderflut oder in der Suche nach Sinn. Sie nehmen auch unser Bitten und Flehen um göttlichen Beistand bei Unglück und Schicksalsschlägen oder auch in alltäglichen Notsituationen auf. Dabei erscheint die Sonne im Mittelteil im Aufgehen begriffen und als Hoffnungsträger.

So vermag der Altar mit seiner für eine Kirche ungewöhnlichen Bildsprache grundsätzlich wichtige religiöse Themen anzusprechen, wie das die Meister der mittelalterlichen Flügelaltäre zu ihrer Zeit taten. Ja, es gelingt ihm vielleicht, verkrustete Ansichten und Gewohnheiten aufzubrechen und neu bedenken zu lassen. Und junge Menschen, denen dieser Comicstil vertrauter ist, werden die Kirche durch ihn weniger verstaubt erleben und so vielleicht einen Zugang zum Glauben finden.


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