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Michael Goller
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Betender , 2010

Öl auf Leinwand, 140 x 120 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

 
Betender

Von der Malerei her begegnet uns ein bewegtes Bild. Ob es uns auch inhaltlich zu bewegen vermag, muss sich erst zeigen. Denn zunächst geben die expressiven Pinselstriche und andeutenden Formen Rätsel auf. Sie laden unverkennbar zur Spurensuche ein.

Recht deutlich ist eine menschliche Gestalt zu erkennen: Kopf, Oberkörper, Arme, Hände. Sie ist halb dem Betrachter zugewendet und hat die Arme so angewinkelt, dass ein intensiver Blickkontakt mit den Händen entsteht. Doch Kopf wie Hände geben Fragen auf. Was hat das hinter dem mit weißen Pinselstrichen umrissenen Kopf liegende lindgrüne Gesicht zu bedeuten? Es zeigt ein sehendes Auge, während beim angedeuteten Kopf die Augen verbunden erscheinen. Und sind die Hände wirklich Hände? Zeigen sie nicht auch einen Kopf mit verbundenen Augen?

Zwischen den beiden ist ein intensiver Dialog mit alles durchdringenden Blicken zu spüren. Dabei wird der eine wie der andere „Kopf“ von einem roten Farbfeld hinterfangen, das an flammende Flügel denken lässt, an eine treibende und gleichzeitig haltgebende Kraft, die von außen ermutigt, weiter zu machen. Ist hier letztlich nicht eine Person dargestellt, sondern gar zwei? Ganz dunkel ist der Raum zwischen ihnen dargestellt. Es ist, als würde sie etwas Schweres und Unbegreifliches verbinden. Das Zentrum bildet ein schwarzes Quadrat, das mit drei satellitenähnlichen rechteckigen Applikationen mit abstrakten Strichzeichnungen korrespondiert. Ob bewusst ein Bezug zum „Schwarzen Quadrat“ von Malewitsch hergestellt wurde, der mit ihm damals die Empfindung der Gegenstandslosigkeit beim Betrachter hervorrufen wollte und gleichzeitig einen Bezug zu Gott und dem unfassbaren Nichts, aus dem Gott die Welt erschaffen hat, schuf?

Dieser schwarze Mittelpunkt der Arbeit ist vom weißen Arm teilweise umfangen. Durch parallele Strichstrukturen rechts oben im Bild wird der Eindruck geweckt, als wolle die „herzförmige“ Bewegung des Armes über sich hinauswachsen, hin zu dem blauen Bereich oben links, der als einziger im Bild mit der schwarzen Mitte in direkter Verbindung steht. So wird auch suggeriert, dass das, was in der absoluten Verborgenheit zwischen den beiden geschieht, etwas mit dem Himmel zu tun hat, einer Kraft, die über ihnen steht.

Betender nennt der Künstler seine Arbeit. Damit legt er eine Spur, doch die Unsicherheit bleibt. Ist eine allein betende Person dargestellt oder sind es nicht vielmehr zwei Personen, bei denen die Obere für die untere, eher liegende Person betet? Möglich ist auch die Hinwendung des Betrachters zu dem Unbekannten, ganz Anderen, der seine Identität hinter der Maske – Gott – verbirgt? Jedes ist ein schlüssiger Gedankengang. Michael Gollerts Arbeit belehrt nicht im Sinne von „so ist es“ und verkündet keine unumstößliche Wahrheit. Vielmehr zeigt er Spuren und Wege, das Gewohnte als einzige Denk- und Lebensmöglichkeit zu verlassen und sich dem ganz Anderen und Unbekannten zu öffnen und zu nähern … als Betender.

Aus der Darstellung geht hervor, dass Beten nicht nur das Reden wie mit dem guten Bekannten von nebenan über unsere augenblickliche Befindlichkeit ist, über das, was man gerne hätte oder anders möchte. Beten ist hier ein Aufbrechen des menschlich Alltäglichen und das Einlassen auf den unbeschreiblich Anderen. Aus der Bewegtheit der Pinselstriche zu schließen, ist es mit Ringen und Kämpfen verbunden. Es ist eine Auseinandersetzung mit einem Du, das für den Glaubenden im Bitten und Danken, sich Verschließen und Öffnen, Abwehren und Empfangen geschieht, mit einem Du, das doch immer geheimnisvoll nah gegenwärtig ist. Verbundenheit (religio) und Zuwendung sind aus diesem Dialog herauszuspüren. Und doch deuten die dunklen Stellen an, dass Beten auch immer wieder tastender Dialog und suchendes Gespräch ist. Bewegung, die in der Zuwendung zum unbeschreiblich Anderen über sich hinausgeht.

Patrik Scherrer / 25.09.2010


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