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Nikolaus Mohr
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Vasen , 2006

Öl, Schellack, Leinwand, 150 x 170 cm, © beim Künstler
 
Nur zwei Vasen?

Zwei Vasen. Vor braunem Hintergrund. Nur zwei Vasen. Nichts mehr. Kein Tisch, auf dem sie stehen, keine Blumen, die aus ihnen herausragen, kein Hinweis auf einen Raum, der die beiden Vasen umgibt. Die beiden Körper sprechen durch ihre Umrisse und die Lichtreflexe auf ihren Oberflächen. Doch wer sagt, dass es Vasen sind? Letztlich haben wir nur gemalte Flächen vor uns, denen durch Farbunterschiede ein Volumen gegeben wurde.

Es ist die Erfahrung, die uns in diesen gemalten Flächen flaschenähnliche Vasen erkennen lässt, die uns sagt, dass es sich um Hohlkörper handelt, die oben eine Öffnung haben. Die linke Vase hat eine runde, bauchige Form und steht auf einem kleinen Fuß. Sie ist von der Größe und vom Volumen her geringfügig kleiner als ihre Nachbarin, die gradlinige, bis zum Boden reichende Formen besitzt. Beide Gefäße sind in einem leuchtenden Kupferton dargestellt und werden teilweise von einer Aura umgeben, die sich in einer Art Wasserzeichen oder hellerem „Schatten“ äußert. Es wird der Eindruck erweckt, dass den beiden Vasen etwas entströmt, das wesentlich mit ihrem Inhalt zu tun hat.

Ob die einzige rote Fläche etwas damit zu tun hat? Bewirkt sie nicht, dass die beiden Vasen auf Grund ihrer Lichtreflexe nicht nach links ausgerichtet sind, sondern einander zugewandt erscheinen? Wird damit die Zusammengehörigkeit nicht genauso verstärkt wie der Eindruck, dass es sich bei den beiden Vasen durch ihre körperlichen Unterschiede um Symbole für Frau und Mann handelt? So gesehen könnte dann die kleine rote Fläche als herzlicher Ausdruck gelesen, als Fenster der Liebe gedeutet werden, als das, was die beiden Vasen in sich tragen.

Der Mensch als irdenes Gefäß. Das ist kein neuer Gedanke, aber immer wieder ein faszinierender, gerade im Zusammenhang mit der biblischen Aussage: „Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände“ (Jes 64,7). Wie Gefäße stehen wir auf dem Boden. Durch unsere Sinnesorgane und unseren Geist haben wir „Öffnungen“, die uns ermöglichen, nach Oben offen zu sein und allerlei aus unserer Umwelt in uns aufzunehmen.

Vasen sind dazu bestimmt, Schnittblumen temporär Halt zu geben und mit dem Wasser zu nähren. Sie sind ihre Begleiter für die kurze Zeit des Erblühens und Verwelkens an einem Ort des Exils. Die Blumen werden doch von ihren Wurzeln getrennt und in eine fremde Umgebung transportiert, um uns Menschen in der Blüte ihres Lebens Freude zu bereiten.
So lassen uns die zwei Vasen über das Leben und seinen Sinn nachdenken. Über die Aufgaben und Dienste, die aus unseren Eignungen und Fähigkeiten erwachsen und uns mit Freude und Zufriedenheit erfüllen. Sie lassen uns fragen, wofür wir offen sind und was wir in uns aufnehmen, wen wir in uns „beherbergen“. Der Apostel Paulus beschrieb das Aufleuchten Gottes in seinem Herzen als einen Schatz, den wir Menschen in zerbrechlichen Gefäßen tragen (vgl. 2 Kor 4,6-7). Jeder von uns ist eine Vasa sacra, wie die in der katholischen Liturgie verwendeten Gefäße genannt werden, bestimmt, Gott in uns aufzunehmen und zu den Menschen zu tragen. Wir sind die vergänglichen Gefäße (blättert bei der linken Vase nicht eine Farbschicht ab?), über die Gott seine Schönheit und Größe anderen Menschen offenbart.

Das den beiden Vasen entströmende Etwas lässt noch einen anderen Zugang zu. Die beiden Vasen können auch als Behälter eines Öls oder eines Wohlgeruchs gesehen werden, der sich über die Luft verbreitet. Auch hier vermag das Bild an Paulus zu erinnern, der im zweiten Brief an die Korinther (2,14-16) schrieb: „Dank sei Gott, der uns stets im Siegeszug Christi mitführt und durch uns den Duft der Erkenntnis Christi an allen Orten verbreitet. Denn wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen. Den einen sind wir Todesgeruch, der Tod bringt; den anderen Lebensduft, der Leben verheißt. Wer aber ist dazu fähig?“

Nur zwei Vasen. Menschliche Gemeinschaft und Zugehörigkeit wiedergebend. Von der Vergänglichkeit gezeichnet. Aber ein unfassbares Licht reflektierend, eine Kraft, die als Liebe ihr Inneres erfüllt und ihre Körperlichkeit durchdringt und übersteigt … andere begeistert.

Patrik Scherrer / 23.10.2010


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