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Michael Triegel
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Verkündigung , 2008

Mischtechnik / MDF, 75 x 106 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 und Galerie Schwind GmbH, Leipzig
 
Heilsgeschichte

Die nackte Frau auf dem mit zwei weißen Laken bedeckten Tisch irritiert. Regungslos, wie aufgebahrt liegt sie in dieser Mauernische unter dem Segmentbogen. Hinter ihr verdeckt ein Wandbehang teilweise den schwarzen Hintergrund. Über ihren Füßen schwebt ein Engel, der uns durch sein Aussehen und seine Gestik an die Boten aus den Marienverkündigungen der Renaissance erinnert. Doch im Gegensatz zu diesen Vorbildern und auch zur liegenden Frau ist er sehr klein dargestellt. Sie stehen sich auch nicht gegenüber, sondern er schwebt über ihr. Und während er festlich gekleidet agiert, liegt sie nackt und regungslos vor ihm ...

Kann das ein Verkündigungsbild sein? Ist es nicht respektlos, Maria so „bloß“ (dar-)zu stellen? Wieso liegt sie nackt auf diesem mit drei Tischböcken improvisierten Tisch? Wieso konzentriert sich die Inszenierung auf diese Mauernische, die vielmehr ein Durchgang zu sein scheint? Was ist wohl die Bedeutung des grünen Stoffbehangs hinter ihr? Und warum dieser Engel? … So und anders könnten die Fragen zu jedem einzelnen der verschiedenen Elemente in diesem Bild weitergehen. Doch würden wir bei den Fragen bleiben, bliebe die Darstellung ein Rätsel. Ihre sorgfältige Betrachtung jedoch vermag uns ihre tiefe Bedeutung zu erschließen und zu offenbaren.

Beginnen wir mit der Frau. Waagrecht teilt sie das Bild in eine untere und eine obere Hälfte. Obwohl sie regungslos daliegt, ist sie nicht tot. Ihre Augen sind offen. Ihre Arme hält sie seitlich ihres Oberkörpers auf der Höhe der Tischkante. Von ihrem Körper geht eine natürliche Spannung aus. Ihre Nacktheit scheint gewollt zu sein und signalisiert Bereitschaft und Hingabe. Dennoch ist kein sexuelles Verlangen zu entdecken. Auf der harten Tischplatte liegend, die mit zwei frisch gewaschenen und gebügelten Laken abgedeckt ist, sieht sie eher aus wie ein Patient auf einem Operationstisch oder ein Opferlamm auf einem Altar. Diese Frau scheint bereit, alles herzugeben für den, den sie liebt. Der drohende schwarze Hintergrund deutet an, dass es gegebenenfalls auch ihr Leben sein kann.

Unter dem Mauerbogen liegt sie im „Dazwischen“. Sie befindet sich im Licht des Diesseits der Mauer, während sich hinter ihr ein undurchdringliches Jenseits verbirgt. So liegt sie in einem Durch- oder Übergang, scheint eine Grenzerfahrung zu machen, bei der es in den Synonymen Licht und Dunkelheit letztlich um Leben und Tod geht. An seiner Grenze hängt der grüne Stoffbehang und bildet gleichzeitig den zentralen Hintergrund für die liegende Frau. Mit seiner grünen Farbe und nahezu quadratischen Form lässt er an ein Symbol für die Erde denken und vermag mit seinen Blumen und Früchten an das biblische Paradies mit dem Baum des Lebens und dem Baum der Erkenntnis in seiner Mitte zu erinnern. Der rote Saum seitlich und unten mag die Cherubim zu symbolisieren, die mit flammenden Schwertern das Paradies bewachen, das nur von oben her zugänglich ist … und von vorn, da, wo die nackte Frau auf dem Tisch liegt. Durch den Tisch von der Erde erhöht, liegt sie genau auf halber Höhe des Behanges, so dass ihre Gebärmutter exakt in der Mitte dieses symbolischen Paradiesgartens zu liegen kommt.

Vor diesem grünen Stoffbehang erscheint die Frau als neue Eva. Bereit, durch ihre Demut den Übermut ihrer Urahnen vor Gott wieder gut zu machen. Während Adam und Eva sich bei der Begegnung mit dem Heiligen fürchteten und sich ihre Nacktheit mit Blättern bedeckten, entblößt sich die neue Eva geradezu und zeigt sich furchtlos. Zeitlich versetzt soll am gleichen Ort, an dem die Sünde der Auflehnung und des Misstrauens gegen Gott geschah, nun durch die Hingabe und das Vertrauen Mariens wieder Heil in die Welt kommen. Das Granatapfelmotiv auf dem Stoff deutet auf Leben und Fruchtbarkeit hin. So zwischen dem Engel und Maria angeordnet, mag der Granatapfel einerseits für Jesus stehen, andererseits für die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen, die Maria als erste Glaubende dieser Gemeinschaft in Jesus gleichsam zur Welt bringt. Als Mutter Gottes wird sie auch als Mutter der Kirche verehrt.

Dieser heilsgeschichtliche Bogen entfaltet sich gleichsam in der Botschaft des im Flug vor der liegenden Frau niederknienden Engels. Als Bote aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt hat er seine Hände zum Gruß geöffnet, das unsichtbare Wort behutsam zur Erde und Maria nahe bringend: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. (…) Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.“ (Lk 1,28.31.35)

Die Antwort Mariens ist in den Augen des Malers diejenige einer reifen Frau: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1, 38). Diese bedingungslose Hingabe hat der Künstler mit dieser nackten reifen Frau übersetzt, die sich ostentativ Gott aussetzt, um von ihm wie von einem Bräutigam genommen zu werden, schwanger zu werden, sein Kind unter ihrem Herzen zu tragen bereit ist. In ihrem Fleisch soll sein Wort Wohnstatt finden, Menschengestalt annehmen und dann den vergänglichen Weg allen irdischen Lebens gehen.

So wie Maria daliegt, erinnert sie stark an Abbildungen von Grabeskammern mit Jesus. Mit ihrem JA wird sie wie einige Jahrzehnte später ihr Sohn Jesus vom Heiligen Geist mit neuem Leben erfüllt. Mit ihrer Hingabe antizipiert sie die Hingabe ihres Sohnes am Kreuz, sie wird dabei nicht sterben, aber sie legt ihr Leben doch ganz in Gottes Hand. So, dass er durch sie den ersten Schritt zur Erlösung und Auferstehung des Menschengeschlechtes bewirken (operare) kann.

Patrik Scherrer / 04.12.2010


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