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Tobias Eder
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Versuch zur Mitte , 2010

Einbandmotiv für ein Evangelistar, 34 cm x 24 cm x 1 cm
© Tobias Eder
 
Versuch zur Mitte

Eine schier endlose Linie erhebt sich aus dem Hintergrund und bildet ein Motiv, das etwas Blumenartiges an sich hat, aber vor allem aus seinen immer wieder neuen Windungen um die Mitte und zu ihr hin lebt. Genau acht Mal wird die Mitte umkreist. Nicht in einer geometrischen Form wie bei einem Labyrinth, sondern organisch frei. Dabei bilden nicht die Zwischenräume den Weg, sondern diese Erhebung aus der Fläche formt eine dreidimensionale Spur. Unweigerlich denkt man an einen Weg. Doch wo beginnt er? In der unsichtbaren Mitte oder außen im Nichts? Oder gehören gar beide Richtungen zu unserem Leben? Der Weg hinaus in die sichtbare Welt und der Weg zurück zum unsichtbaren Gott, der jeden von uns aus Liebe ins Leben gerufen hat und am Leben erhält? Die achtfache Umkreisung mag auf die sieben Tage der Schöpfung anspielen, die nach den Kirchenvätern am achten Tag durch die Auferstehung Jesu einen Neuanfang erfährt.

Von innen her gelesen entwickelt sich das Leben aus einer geheimnisvollen Mitte. Vom zusammengekauerten Embryo sich gewissermaßen immer mehr entfaltend, werden die Wellenbewegungen immer stärker und, münden in heftige Richtungsänderungen und Änderungsversuche. Das mag Unsicherheiten auslösen. Sie können für die starken Jahre im Leben stehen, in denen man so vieles aus eigener Kraft machen kann. Sie können aber auch für die kleinen und großen Suchbewegungen in unserem Leben stehen, die mal Vergangenes kreuzen mögen und gleichzeitig verbindend zusammenhalten wie um zu sagen, dass kein Weg, kein Umweg und kein innerer Kampf sinnlos ist. Nach zwei letzten starken Knicks verlaufen die Linien dann gerader weiter. Stellenweise liegen sie in der nächsten Runde so nahe bei der letzten, dass das Gefühl auftreten kann, an Ort und Stelle zu treten oder nicht wirklich vorwärts zu kommen. Und plötzlich, nach einer letzten Wende, ist die Erhebung zu Ende, hört sie im Nichts auf.

Unweigerlich stellt sich die Frage: Was nun? Ist das Grab oder die Asche das unweigerliche Ende? Oder geht es irgendwie weiter? Schwer zu ertragen, wenn man das erlebt und so auf sich wirken lässt …

Diese künstlerische Gestaltung könnte für sich allein so stehen. Aber diese Arbeit ist ein Vorschag für den Einband eines Evangelistars, eines Buches, das Abschnitte aus dem Alten und Neuen Testament enthält, die im Gottesdienst vorgelesen werden. Und da steht, dass das Leben nicht im Nichts enden wird, sondern weitergeht in einer anderen Welt und es eine Zukunft hat, eine unvorstellbare, ewige, glückliche Zukunft. Den Grund dafür liegt im Ausgangspunkt des Lebens, um den es zeitlebens kreist und mit dem es wie mit einer geistigen Nabelschnur verbunden bleibt.

Von außen her gelesen kann das freie Ende deshalb als Einladung verstanden werden, hier anzuknüpfen, den Faden aufzunehmen, ja ihm zu folgen. Nicht erst am Ende des Lebens, sondern jederzeit, da wo man gerade steht. Das freie Ende ist stetige Einladung, nicht nur nach außen zu gehen, sondern gleichzeitig nach innen. Dabei können wohl ähnliche Schwierigkeiten auftauchen wie auf dem Weg in die Welt. Doch der Weg nach innen könnte die lohnendste Suche, der wichtigste Weg des Lebens sein.

Patrik Scherrer / 15.01.2011


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