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Michael Goller
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Elija in der Wüste
2011

Öl auf Leinwand,
55 x 145 cm,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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Ermutigung

Ob wir ohne Hinweise das Bildthema finden würden? In unterschiedlich beige-braunen Farbtönen, mehrheitlich mit waagrechten Pinselstrichen auf die Leinwand gebracht, breitet sich das Bildmotiv vor unseren Augen aus. Hier und dort sieht es aus, als würden diese manchmal auch orangen und blauen Farbspuren etwas im Hintergrund verdecken, dann wieder werden sie selbst von rechteckigen Collagen mit Strichmotiven, kleinen Figuren und Schriftzeichen überlagert. Ein wahrhaft mehrschichtiges Bild.

Am klarsten lässt sich in der rechten Bildhälfte „Steh auf und ess!“ entziffern (Detailbild). Dies ist eine Aufforderung an jemanden, der sitzt oder liegt und wieder zu Kräften kommen soll. Im Bild selbst ist keine Person zu entdecken, auf die diese Worte zutreffen könnten. Doch das ziemlich zentral platzierte Wortzeichen „FLŊΛ“ lässt unwillkürlich an den Propheten Elija denken, der nach der Todesdrohung durch die israelische Königin Isebel Angst und Depressionen bekam und in die Wüste floh. „Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter. Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Als er um sich blickte, sah er neben seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Doch der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb.“ (1 Kön 19,4-8)

Über die beiden Schrifthinweise und im Zusammenhang mit der biblischen Erzählung können nun die beige-braunen, tendenziell waagrechten Pinselstriche als Wüstenlandschaft interpretiert werden. Auf der linken Bildhälfte – quasi als Gegenstück zum „Steh auf und iss!“ – findet sich eine Konzentration von anderen Farb-, Form- und Bildfragmenten. Das Auge sucht nach Verbindungen, versucht die einzelnen Elemente zu einem Ganzen zusammen zu fügen … und muss mangels Beweisen aufgeben. Was oder wer hier auch ist, hat sich so in Einzelteile aufgelöst, dass es für den Betreffenden selbst wie für den Betrachter sehr schwer ist, seine Einheit zu finden.

Ein bisschen erinnert das Bild an Situationen der Verwüstung, wie sie sich uns nach Erdbeben oder Überschwemmungen zeigen. Das Bild kann auch für Menschen wie Elija stehen. Menschen, die sich in verschiedenen Aktivitäten verausgabt und deren Kräfte sich in alle Richtungen verstreut haben. Nun sind sie wortwörtlich niedergeschlagen, befinden sich vielleicht in einer Depression und leiden unter einer lähmungsähnlichen Antriebslosigkeit. So verfügen sie nicht mehr über genügend geistige und körperliche Kräfte, um sich wieder zu sammeln. „Steh auf und iss!“ ist deshalb eine Aufforderung und Ermutigung, sich von der lebensbehindernden Starre zu erheben, mit dem Essen neue Kraft zu sich zu nehmen, um dann mit gesammelten Kräften und als erneuerter Mensch seinen Weg zu gehen. Aus der Wüste heraus ins blühende Land.

Patrik Scherrer / 09.04.2011


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