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Gielia Degonda
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HELLDUNKEL, Bild 15 aus dem 20-teiligen Zyklus , 2011

Mischtechnik auf Büttenpapier, 75 x 57 cm, © Gielia Degonda

 
Aufsteigende Gedanken – Gebet?

Eine unbegrenzte graue Fläche bildet die Bühne für den Auftritt einer Vielzahl von Linien. Waagrecht und senkrecht gliedern sie das hochstehende Bildformat. Übereinander gelagert erzählen sie die spannungsvolle Geschichte von Verwandlung und Aufstieg.

Auffallend sind die horizontalen Risse im grauen Grund, der an eine Felswand erinnern mag. Die Risse sind nicht durchgehend. Sie erscheinen wie Spannungsrisse, wie Bewegungen im Innern der Materie. In ihrem bewegten und individuellen Ausdruck können sie auch als Atmungsschlitze gesehen werden, durch die ein überlebenswichtiger Austausch mit der Außenwelt stattfindet. In ihrer Anordnung übereinander bilden sie schließlich eine Art Leiter, auf der es aufwärts geht.

Diese Aufwärtsbewegung wird durch lineare Zeichnungen unterschiedlicher Farben erzeugt. Dem dichten Schwarz ganz unten folgen mit zunehmender Höhe blasse Schriftzüge, dann tauchen erste nach oben zeigende Pfeile auf und es breitet sich ein dreiecksförmiger, nach oben spitz zulaufender „Teppich“ aus goldfarbenen Strichen aus. An seinem höchsten Punkt verdichtet er sich in seiner Struktur und zeigt – von einem geradezu leuchtenden Pfeil unterstützt – über sich und damit auch über den Rand des Bildes hinaus. Darüber – oder ist es mehr ein Dazwischen – sind kurze hellgraue Striche auszumachen, die sich zu rätselhaften handschriftlichen Zeichen formen.

Die waagrechten Schrunden und die undurchschaubaren Strichzeichen stellen viele Fragen. Was ist je ihre Bedeutung? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Was mag die Aussage des Farbwechsels sein? …

Die glatte Oberfläche erinnert neben dem Gestein auch an die Haut eines Körpers, die von Falten und Rissen, von Schnitten, Wunden und Narben gezeichnet ist. Sie haben Öffnungen entstehen lassen, die einen Austausch zwischen dem für uns sichtbaren Davor oder Äußeren und dem unsichtbaren Dahinter oder Inneren ermöglichen.

Die dunklen und immer heller und goldener werdenden Striche stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit diesen großen waagrechten Zeichen. Es ist, als würden sie aus den feinen Spalten herauskommen und an der Oberfläche entlang aufsteigen. Ist im Dunkeln noch das Schwere und Schmerzvolle herauszuspüren, beginnt der innere Ausdruck immer mehr zu atmen, scheint er von einer fremden Kraft erfasst, gewandelt nach oben getragen zu werden.

So können die Zeichen für unser Gebet stehen, das aus wortlosen Tiefen unserer vielgestaltigen Erfahrungen aufsteigt. Schmerzen und Leiden, Freuden und Glück finden dann vielleicht in Gedanken und Worten, die ihnen verstandesmäßigen Ausdruck verleihen. Doch bleibt Platz für das schlichte Sehnen nach Hilfe und Heilung, nach einem Ausdruck der Dankbarkeit an einen gefühlten göttlichen Beistand.

Das Bild visualisiert damit einen wesentlichen Aspekt unseres urmenschlichen Mitteilungsbedürfnisses. Es stellt nicht unsere Verwandlung dar, sondern diejenige unserer Anliegen. Haben sie unten noch materielle Dichte und Schwere, werden die für sie stehenden Striche nach oben zunehmend heller und erhalten im Symbol des goldenen Dreiecks göttliche Unterstützung. Ist das nicht eine wunderbare Vision? Eine ermutigende Einladung, alles, was uns beschäftigt, aus uns heraus zu lassen, Gott mitzuteilen, zu ihm aufsteigen zu lassen? Dabei kann es geschehen, dass die Nähe der Transzendenz so spürbar, so erlebbar wird, dass alle Bitten und alle Worte verstummen. Auch das, oder gerade das ist Beten und auch dahin weisen die goldenen Pfeile.

Patrik Scherrer / 23.07.2011


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