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Sybille Loew
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Himmel brechen , 2011

Stoff bedruckt und bestickt, zweiteilige Arbeit, je 38 cm x 45 cm, © Sybille Loew
 
Ein Kind entzweit …

Zwei dünne weiße Stoffrechtecke mit bedruckten Versen aus dem Koran stehen heute im Zentrum unserer Aufmerksamkeit (Gesamtansicht). Sie sind mit den Versen 16 bis 22 und 88 bis 93 der Sure 19 bedruckt, in denen es zentral um Maria und die Empfängnis des Gottessohnes geht. Nach der Verkündigung der Frohbotschaft an Maria (16 bis 22) folgt eine Reaktion zum diesbezüglichen Glaubensverständnis der Christen.

Sie, die Ungläubigen, die Christen sagen: "Der Barmherzige hat sich ein Kind zugelegt." Mit dieser eurer Behauptung habt ihr etwas Schreckliches begangen. Schier brechen die Himmel aus Entsetzen darüber auseinander und spaltet sich die Erde und stürzen die Berge in sich zusammen, dass sie dem Barmherzigen ein Kind zuschreiben. Dem Barmherzigen steht es nicht an, sich ein Kind zuzulegen.

Die Bearbeitung und Darstellung dieser fünf Verse macht den Unterschied zwischen den beiden Stoffen aus. Oben ist der Text mit einem Goldfaden bestickt (Detailansicht), unten mit einem roten Garn in das Gewebe eingebracht, wobei hier die Garnenden als lange herunterhängende Fäden belassen wurden. Dadurch werden zwei ganz unterschiedliche Sichtweisen deutlich.

Mit dem Goldfaden wird hervorgehoben und gewürdigt, dass für die Muslime auch diese Worte zur Offenbarung Gottes gehören. Das Kostbare, Erhabene und Göttliche soll durch das Edelmetall zum Ausdruck kommen, als Zeichen dafür, dass Gott selbst gesprochen und damit seine ureigenen Gedanken kundgetan hat. Eine nahezu unermessliche Bestürzung und Distanzierung spricht aus ihnen. Was die Christen glauben, ist unannehmbar, unglaublich und letztlich Beweis, dass sie nach dem muslimischen Glaubensverständnis Ungläubige sind. Was sie, glauben, ist für den Barmherzigen derart schrecklich, dass nicht nur er, sondern auch seine ganze Schöpfung (Himmel und Erde) und unausgesprochen auch alle Muslime unter der Spannung, die diese unerträgliche Behauptung auslöst, zu zerbersten drohen.

Der mit dem roten Faden wiedergegebene Text knüpft an diese gewaltigen und gewaltsam wirkenden Worte an. Was für die einen (die Muslime) Gottes heilige Offenbarung ist, die verehrt wird (Goldfaden-Variante), ist für die anderen (die Christen) ein Angriff auf ihr zentrales und ebenso unantastbares Glaubensverständnis der Gottessohnschaft Christi, dass in Jesus Christus der "eine" Gott Mensch geworden ist. Die rote Schrift lässt unwillkürlich an Blut denken (Detailansicht). Die herabhängenden Fäden suggerieren sogar herabfließendes Blut und lassen an die oft blutigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen zu diesen und anderen Glaubensansichten und -überzeugungen denken.

Mit den beiden künstlerisch gestalteten Varianten möchte die Künstlerin jeder Religion Respekt erweisen. Die Arbeit zeigt auf, wie unterschiedlich gerade Glaubenswahrheiten gesehen und empfunden werden. Die Arbeit kann damit als Bindeglied im interreligiösen Dialog, als kleines Plädoyer für mehr Offenheit und Verständnis untereinander angenommen werden. Vielleicht wird durch den Text auch bewusst, wie viel Provokation für Muslime in der aufwändigen westlichen Art und Weise, Weihnachten, das Fest der Geburt Jesu, zu feiern, liegt. Das Entsetzen der Muslime darüber, dass Jesus Gottes Sohn sein soll, mag uns Christen vielleicht auch nachdenklich machen und zum dankbaren Staunen über unseren Glauben und das Wunder der Menschwerdung anregen. Weder das eine noch das andere ist selbstverständlich.

Patrik Scherrer / 10.12.2011


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