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Carola Faller-Barris
[Künstlerwebsite]

Vor Augen
2011

Buddhafigur aus weißem Porzellan; Zeitung, Papier, Acrylfarbe, Baumwollstoff und Brombeerranken,
ca. 33 x 29 x 21 cm,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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In die Hand gelegt

Ein sitzender Buddha meditiert ein mit Brombeerranken umwickeltes Bündel, das von der Größe und der Lage her an ein Kleinkind erinnert (großes Bild). Was für einen spannungsvollen Gegensatz hat die Künstlerin durch das Zusammenbringen dieser beiden Objekte aufgebaut, was für Welten sich dadurch begegnen lassen.

Schon rein materiell betrachtet bildet die glänzend-weiße Oberfläche des Porzellans einen kontrastreichen Hintergrund zu den matten Naturmaterialen des Bündels. Während die Buddhafigur sitzt und in einer meditativen Haltung verweilt, liegt das dornige Objekt passiv in seinem Schoß und scheint die Situation zu erleiden. Außerdem steht die industriell-serielle Fertigung der Buddhafigur einer einmaligen manuellen Herstellung des Bündels gegenüber.

Die Buddhafigur stellt in idealisierter Form Siddharta Gautama dar, wie er meditiert, um Erleuchtung zu erlangen. Er sitzt mit gekreuzten Beinen da, eine Hand liegt in der anderen, beide Handflächen zeigen nach oben. Seine Augen sind geschlossen, sein Kopf leicht nach vorne geneigt. Auffallend sind auch seine großen Ohren, die hörende Offenheit signalisieren. Die Konzentration seiner Sammlung, die Hinwendung all seiner Sinne auf eine unsichtbare, transzendente wie immanente Präsenz ist deutlich spürbar.

Die Zufriedenheit, die er ausstrahlt, der Frieden, der von ihm ausgeht, lassen ahnen, dass er dieser geheimnisvollen Gegenwart begegnen und in dieser Begegnung verweilen durfte. Umspielt nicht ein leises Glück seine Mundwinkel und seine Augen? Er macht den glücklichen Eindruck, den oder das gefunden zu haben, das ihn erfüllt, ihm Halt gibt und tief in sich ruhen lässt.

Macht das vielleicht die Faszination der Buddhafiguren aus, dass sie Ruhe und Harmonie, Zufriedenheit und ein Glücklich-Sein ausstrahlen, die wir uns so sehr ersehnen und in den Gesichtern unserer Mitmenschen so oft suchen? Ist er vielleicht deshalb auch für Christen so attraktiv geworden, weil er zu den unzähligen Kreuzigungsdarstellungen, die das Bild von Jesus mitprägen, eine Alternative bietet, bei der nicht das Leid und der Tod, sondern die Suche nach Erkenntnis, Ausgeglichenheit und Glück, letztlich das Leben im hier und jetzt im Vordergrund steht?

Das Bündel in den Schoß scheint ihn in seiner Meditation nicht zu stören, auch wenn es in den Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit gelegt wurde. Für den Betrachter wird es aber zur humanistisch-christlichen Herausforderung, bei aller Konzentration auf das eigene Wohlergehen nicht den Blick für die Umwelt und Mitmenschen zu verlieren, für ihre Not und ihre Leiden. Das verschnürte Bündel aus Zeitungen und Stoff erinnert zum einen an ein Kleinkind, zum anderen schaffen die Dornenranken und das mit roter Farbe betupfte Tuch einen eindeutigen Bezug zum Leiden Jesu. Damit vermag das Bündel das Elend und die Hilfsbedürftigkeit der Menschen in ihrer lebenslänglichen „Menschwerdung“ von der Geburt bis zum Tod zu symbolisieren (Detailbild).

Offensichtlich ist auch die formale Ähnlichkeit mit einer Pietà. Von Maria sind unzählige Darstellungen überliefert, in denen sie ihren Sohn mit Freude als Kleinkind und mit Trauer als Verstorbener in ihrem Schoß gehalten hat. Wie sie sollen wir den uns Anvertrauten das ganze Leben lang Halt geben. Letztlich geht es der Künstlerin darum, darauf hinzuweisen, dass Kontemplation und Aktion zusammengehören, dass wir einerseits leere Herzen und Hände brauchen, um uns selbst zu finden, andererseits um Einsicht und Mut zu erhalten, wo und wie wir in unserer Gesellschaft Verantwortung übernehmen und zum Wohle der ganzen Welt handeln müssen. – Denn vollkommenes Glück erreicht der Mensch nur in der Zuwendung zum Menschen.

Patrik Scherrer / 28.04.2012


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