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Gabi Weiss
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Geistausgießung
2002

Evangelische Kirche St. Petri, Bosau
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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Kreative Vollendung der Schöpfung

Ein Spritzer Wassertropfen durchzieht und prägt dieses Glasfenster in warmem Goldgelb. Beschwingt fallen sie in einen sanften Doppelbogen aus dem weißen oberen Bereich auf die aufragende weiße Figur in der Mitte des Fensters. Flächenmäßig sind beide etwa gleich groß. Von der Form her unterscheiden sie sich jedoch deutlich. So sind der oberen Fläche weiche, runde Formen eigen, während bei der Unteren gerade und eckige Umrisslinien vorherrschen. Die obere Fläche hat durch ihre wolkenartige Erscheinung zudem einen schwebenden Charakter, während die Untere wie eine Skulptur auf einem rot-braun marmorierten Sockel geerdet ist.

Dazwischen oder dahinter das Goldgelb, das einen warmen, wohltuenden Hintergrund bildet. Die Farbe und ihre Transparenz, die verschiedenen Schattierungen und Einschlüsse erinnern an Bernstein und strahlen etwas Kostbares, Erhabenes aus. Durch die weiße Ecke rechts unten und die Verbindung zur weißen Mitte hin entwickelt er jedoch eine eigenständige Aktivität. Die Ausformung zu einem kopfähnlichen Gebilde, das sich von oben her wie ein Torbogen über die weiße Mitte beugt, verbindet sich rechts, ja verzahnt sich hier geradezu mit der konturierten Silhouette der weißen Figur. Der Eindruck einer intimen Berührung entsteht, die von einer Umarmung über einen Kuss bis zur belebenden "Beatmung" gehen kann. Genau lässt es sich nicht sagen, da die Ausformung bei der zentralen Figur zu vage oder unvollendet ist.

Diese weiße aufragende Figur steht also im Mittelpunkt des Geschehens. Auf einem Sockel exponiert, wird sie gleichzeitig von einem goldgelben Lebensraum umgeben und von Wassertropfen beregnet. Letztere sind als einzige Elemente nicht flächig dargestellt, sondern haben einen grünen Inhalt, der Leben signalisiert. Sie sind genauso weich ausgeformt wie der "Himmel", aus dem sie kommen. Die Tropfen sind so als Lebensträger wahrnehmbar, als Übermittler eines belebenden Inhaltes aus der Höhe, eines Inhaltes, der "weich" macht, beweglich, empfänglich, eben menschlich. Noch ist keine Reaktion bei der zentralen Figur auszumachen. Weder durch die Umarmung, die "Beatmung" noch durch die Ausgießung des kostbaren Nasses. Der Pfingstgeist ist spürbar, auch wenn kein pfingstliches Rot im Fenster einen Akzent in diese Richtung setzt. Die Figur zeigt sich noch unmenschlich hart und starr.

Doch die sie umgebenden und auf sie herabkommenden Kräfte sind gegenwärtig und spürbar am wirken. Jeden Moment muss das Wunder der Verwandlung geschehen. Das Wunder, dass die bildlich zu Stein erstarrten Jünger aus ihrer Lähmung erlöst wieder zu freien Menschen werden. Das Wunder, dass ihr geistloses Entsetzen von allen Seiten mit Heiligem Geist erfüllt wird und sie Einsicht erhalten in den göttlichen Plan, Verständnis für alles, was Jesus gesagt hatte und was mit ihm in den turbulenten letzten Tagen geschehen war. Das Wunder, dass sie aus ihrer enttäuschten Zurückgezogenheit heraustreten und von ihrer Begeisterung Zeugnis ablegen.

Das Fenster suggeriert, dass, wenn es einmal passiert ist, eine stetiger Kontakt, eine bleibende Verbindung bestehen bleibt. Die zu erwartende Begeisterung wird einen anhaltenden Charakter haben, wird nicht aufhören. Die Begabung wird eine Verbindung erstellen, die von Lebensmitte zu Lebensmitte geht. Sie wird eine Kommunikation in beide Richtungen sicherstellen, so dass das Gesagte gehört, das Gefühlte wahrgenommen, das Gezeigte gesehen und danach gehandelt wird.

Noch zeigt das Fenster in der Mitte einen entstellten Menschenkopf. Niemand möchte so dastehen, so aussehen. Insofern vermag das Glasfenster den Wunsch im Betrachter zu wecken, dass Gottes Geist doch alle übergießen, umarmen und bleibend beatmen möge, damit niemand eine solch unmenschliche Entstellung erleiden muss, sondern sich eines mit Heiligem Geist erfüllten Lebens erfreuen kann.

Ansicht im Kirchenraum

Weitere Bilder zu den Kirchenfenstern auf der Website der Künstlerin

Patrik Scherrer / 19.05.2012


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