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Meide Büdel
[Künstlerwebsite]

Kreuzigung
2011

188 x 428 cm, mit Feuer geschwärztes Lärchenholz, Gummiriemen, mattweiss lackierte Metallbänder,
Fotos: Axel Mölkner-Kappl,
bild-schön medienproduktion
(www.moelkner-kappl.de),
© Meide Büdel

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Befragungswürdige Zeichen

Über dem Kircheneingang der evangelischen Auferstehungskirche in Rottach-Egern am Tegernsee sind von der Künstlerin Meide Büdel fremd anmutende Zeichen angebracht worden. Eine moderne Kreuzigungsgruppe war gewünscht worden, stattdessen sieht man in der weißen Kirchenwand minimalistische Zeichen eingelassen. Befragungswürdige Zeichen! Zeichen, unter denen man nicht einfach durchgehen kann ohne zu überlegen, was sie zu bedeuten haben, worauf sie sich beziehen. Zeichen also, die einem aufmerken lassen, irritieren, vielleicht sogar verstören, aber auf jeden Fall nachdenklich stimmen und bewegen.

Drei auf einer Horizontalen liegende Rechtecke bilden die Basis der Arbeit. In ihren Proportionen erinnern sie an Ziegelsteine. Zwischen ihnen ist ein je dreifacher Abstand ihrer Länge. Auf dem mittleren Rechteck erhebt sich wie eine Stele eine senkrechte Linie, um die sich die anderen sechs Elemente gruppieren. Fünf von ihnen sind auch als waagrechte Rechtecke ausgeformt, allerdings leicht kleiner und schmaler als die Basis-Rechtecke. Zwei von ihnen liegen direkt auf Letzteren auf, zwei von ihnen mit dem gleichen seitlichen Abstand von der Senkrechten auf zweidrittel Höhe derselben, das letzte Element in der Verlängerung der Senkrechten weit oben über einem schwarzen Objekt, das ebenfalls waagrechten Charakter hat (Gesamtansicht).

Von weitem sieht das Objekt wie ein archaisches Tier aus, das über die Kirchenwand krabbelt. Doch aus der Nähe vermag man zwei schwarze rechteckige Holzformen auszumachen, die mit zwei breiten Gummibändern an und in die Wand gedrückt und vier großen Nägeln festgehalten werden (Detail).

Für jemanden, der mit mittelalterlichen Kreuzigungsgruppen nicht vertraut ist, müssen diese schwarze Form und die waagrechten und senkrechten Reduktionen Rätsel aufgeben. Dennoch … An dieser prominenten Stelle über dem Kircheneingang muss es etwas Bedeutendes sein, das angedeutet wird. Wie Mauerreste den Ort und die Raumaufteilung eines ehemaligen Gebäudes bewahren, so vermögen die Markierungen in ihrer Anordnung an eine einzigartige und deswegen denkwürdige geschichtliche Begebenheit erinnern. Wie Ruinen lassen sie gleichzeitig ehemalige Größe und Schönheit und derzeitige Abwesenheit und Leere spüren.

Bedrückend schwebt die an die Wand gedrückte schwarze Form über den filigranen Andeutungen. Die schwarze Farbe und die Gummibänder lassen die dunklen Kräfte in dieser Welt erahnen und zusammen mit den farblich kontrastierenden Nägeln an Qualen, Folter und Tod denken. Das mit Feuer geschwärzte und in der Mitte geteilte Holzstück vermag symbolisch eine Person darzustellen, die brutal gefesselt und festgehalten wurde, die unter der unmenschlichen Behandlung gelitten und die es in dieser Anspannung innerlich zerrissen hat. Ohnmächtig, jeder äußeren Bewegungsfreiheit und Hoffnung beraubt, blieb nur der Tod.

Damit vermag dieser an die Kirchenfassade gefesselte Holzkörper eindeutig auf Jesus, den Gekreuzigten hinzuweisen (Detail), aber auch alle Menschen einzubinden, die sich ähnlichen unfreien, bedrückenden, quälenden, folternden und letztlich das Leben zerstörenden Umständen befinden.

Wenn der Betrachter davor oder darunter steht, so nimmt er gleichsam die Platz von Maria oder Johannes ein, die damals ohnmächtig und trauernd unter dem Kreuz bei ihrem Herrn ausgeharrt, ihm dadurch aber auch Beistand gegeben haben. Mit den Markierungen seitlich der senkrechten Linie hat die Künstlerin den Platz der Mutter und des Lieblingsjüngers auf der einen Seite erinnernd angedeutet, auf der anderen Seite die Möglichkeit geschaffen, als Betrachter selbst diesen Platz bei den Gefangenen, Gefolterten, Gekreuzigten und Sterbenden einzunehmen.

Die zentrale Vertikale zieht den Blick und die Gedanken nach oben zu dieser unheilvollen dunklen Präsenz. Die Gegenwart des Kreuzes ist in den umgebenden Markierungen zu spüren. Das dunkle Objekt selbst scheint im Raum dazwischen haltlos zu schweben. Und doch wird es unsichtbar für das menschliche Auge vom senkrechten Stahlband gehalten und durchbohrt den Holzkörper. Es bildet in seiner Länge ein Stück, ist allerdings im Bereich des Objektes in die Mauer eingelassen (Seitenansicht). So blicken wir auf zu dem, der am Kreuz erhöht (vgl. Joh 3,14; 12,34) sein Leben für alles Leid in der Welt hingegeben hat. Und wir blicken gleichzeitig auf zu allen Menschen, die in irgendeiner Form Gewalt erleiden.

Die Befragung der auf den ersten Blick vielleicht rätselhaften Zeichen hat somit zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Leiden und qualvollen Sterben des am Kreuz Hängenden geführt, an dessen Anblick wir uns durch die fast unendliche Multiplikation des Kreuzes und seine Präsenz in vielen Räumen vielleicht gewöhnt haben. Dadurch, dass es ein offenes Objekt ist, lässt es sich nicht auf den ersten Blick erfassen und abhaken, sondern wird es fragwürdig: würdig, auf seine tiefere Bedeutung befragt zu werden. In einer Zeit der medial stetigen und sofortigen Erreichbarkeit wirkt auch gegen den Zeitgeist, weil durch die Abwesenheit von etwas Vertrautem die Leere ausgehalten werden muss. So vermag die ungewohnt andere Darstellung zu schockieren, ja muss sie, um uns in unserer Eile auszubremsen und zum Innehalten aufzufordern. Und sie gibt dem Kreuz eine Aktualität, die aufzurütteln vermag und zum Umdenken und zu neuem Handeln anregt. Das ist gut so.

weitere Information unter www.tegernsee-evangelisch.de

Video vom 28.10.2011 im BR

Artikel in Kulturvision vom 6.4.2012

Kirchenbautag 9.5.2012

Patrik Scherrer / 07.07.2012


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