bildimpuls: Logo - Link: Homepage
bildimpuls der Woche Ausstellungshinweise
Archiv:  Suche | Alle Museen, Galerien, Vereine
Sonderausstellung Links
pro bildimpuls Fachliteratur / Texte
weitere Informationen Newsletter



Dietlinde Stengelin
[Künstlerwebsite]

[weitere Werke (4)]
[Druckansicht]
 
Die Magier , 1996

Acrylfaben/Blattgold/Papiere, 120x85 cm
Bild 8 aus dem Bilderzyklus "La Nativité du Seigneur"
nach der Orgel-Meditation von Olivier Messiaen
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017
 
Gold, Weihrauch und Myrrhe

Warme Farben beherrschen das Bild. Goldgelb, Weiß, Gold und ein erdiges Rotbraun hüllen das Geschehen in ein festliches Kleid. Zwei Welten scheinen sich dabei zu begegnen. Die untere Bildhälfte ist durch eine intensivere Farbgebung und scharfe Konturen irdisch verhaftet, die obere kann durch ihre Bildposition, die helleren Farbtöne und verschwommenen Konturen mehr dem Himmel zugeordnet werden.

Dadurch hat die Künstlerin eine Bildtiefe geschaffen, die das himmlische Geschehen zu einer mystischen Schau werden lässt. Ein Mensch in goldgelben Farben ist in einem Kreis zu erkennen, umgeben von rauchähnlichen Aufhellungen. Erhoben und erhaben steht er da. Doch wen stellt er dar? Nur der Kopf und der rechte Arm können klar bestimmt werden. Um den Kopf lässt sich auch ein Leuchten beobachten, ein religiöses Zeichen, das zusammen mit der goldgelben Farbe auf seine Heiligkeit hinweist. Als Lichtgestalt kommt er von oben in das Bild hinein und wird die Mitte des Erdenrunds bilden. Umgeben von undefinierbaren Lichtgestalten, nimmt er die Position eines Weltenherrschers ein, darf er als Jesus gedeutet werden.

Ihm gegenüber stehen im diesseitigen Bildteil drei Elemente mit gleichem Aufbau, jeweils aus einem stabähnlichen und einem kugelförmigen Teil bestehend. Sie könnten Menschen symbolisieren, doch ihre einfache Gestaltung, wie sie von unten in das Bild hineinragen und auf Jesus ausgerichtet sind, legen die Vermutung nahe, dass es sich vielmehr um drei gleichwertige Gegenstände handelt, die in das Bild hineingereicht werden. Ihre Geber müssen eine ähnliche Position wie wir Betrachter eingenommen haben. Doch während wir uns vor dem digitalen Abbild einer künstlerischen Wahrnehmung befinden, standen sie vor der Wahrheit selbst, dem Sohn Gottes.

Die drei Bildelemente symbolisieren also die drei Gaben der Sterndeuter / Magier aus dem Osten. Die Charakteristika von Gold, Weihrauch und Myrrhe kommen besonders deutlich in der Gestaltung der Stäbe zum Ausdruck. Das Gold nimmt den zentralen Platz ein und korrespondiert mit der goldgelben Gestalt von Jesu. Der Stab des Weihrauchs ist bläulich-weiß gemalt und hat eine rauchig-transparente Gestalt. Der Stab der Myrrhe befindet sich links im Bild und trägt mit klaren Konturen die symbolischen Farben violett und schwarz.

Über diesen Stäben schweben kreisförmige Elemente, welche die Symbolik von Gold, Weihrauch und Myrrhe weiterführen. So kann die zweiteilige Scheibe über dem Gold, die hintergründig durch eine weitere zusammengehalten wird, für die Doppelnatur des Neugeborenen stehen. Der Reichtum und die Herrlichkeit, die durch das Gold zum Ausdruck kommen, gründen darin, dass er als Mensch die Größe Gottes offenbart. Dieser Kreis steht durch seine Helligkeit der Sonne und ihrem Licht nahe. Die horizontale Bewegung im Kreis mag auch dafür stehen, dass Gold beim Menschen symbolisch für den Geist und das Denken steht.

Das Element über dem Weihrauch nimmt die Bewegung des Rauchs auf. Es besitzt in der Spiralbewegung etwas Verbindendes, was aus zwei gegensätzlichen Welten eine Einzige entstehen lässt. Weihrauch steht für das Leben und dient der Gottesverehrung. Als solches ist es in feierlichen Gottesdiensten zu sehen und zu riechen. In Bezug zum Menschen steht es symbolisch für die Seele und das Fühlen.

Die Kreisscheibe der Myrrhe gibt sich haptisch materiell aus Papier. Das Element hat farblich etwas vom Gold, ist aber in seiner Beschaffenheit vergänglicher und unvollkommener Natur. Da die Myrrhe als Medikament angewendet wird und bitter schmeckt, wird es dem menschlichen Körper und Willen zugeordnet. In dem Sinne steht es für Leiden, Vergänglichkeit und Tod.

Wie in den biblischen Quellen (Mt 2,1-12) stellt das Bild den Besuch der Magier und ihre Gaben in den Mittelpunkt, nicht aber die Magier selbst. Über sie selbst erfahren wir nur, dass sie den Stern gesehen haben, ihm gefolgt sind, beim Anblick von Jesus mit „sehr großer Freude erfüllt“ niederfielen und ihm huldigten. Was sie damals gemacht haben, danach sollen wir heute handeln. Heute sind wir eingeladen, die Zeichen Gottes zu erkennen und ihnen zu folgen, um in der Begegnung mit Jesus von „sehr großer Freude erfüllt“ zu werden und ihn zu ehren. Die drei Geschenke im Bild bleiben für jeden Besucher griffbereit. Im Geist kann er sie ergreifen, mit einem eigenen Wert zu einem kostbaren Geschenk machen und Jesus darbringen.

Das Bild in seinem Kontext von sechs weiteren Bildern zu den Meditationen von Olivier Messiaen zur Geburt des Herrn.

Patrik Scherrer / 06.01.2013


[voriger Bildimpuls]

[nächster Bildimpuls]