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Eduard Winklhofer
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Ohne Titel, 1995/2013

Tisch, 12 Stühle, Betonplatte, in der Ausstellung: nichtvonmenschenhand. Kulturzentrum bei den Menoriten in Graz, 11. September bis 8. Dezember 2013, Foto: Clemens Nestroy © Eduard Winklhofer
 
Tischgemeinschaft

Unverrückbar „sitzt“ die massive Betonplatte auf den Rücklehnen der zwölf Stühle, die beidseits des langen Holztisches stehen. Wie ein Deckel verunmöglicht sie Sitzen und Essen am Tisch. Kein Stuhl kann herausgezogen werden. Kalter Stein breitet sich so über dem warmen, einladenden Holz aus. Massive Schwere lastet auf der im Vergleich filigranen Komposition von Tisch und Stühlen. Wie eine Grabplatte liegt der Betonquader auf den Holzstühlen, schwebt er bedrohlich über der großen Tischfläche. Jegliche Tischgemeinschaft wird durch die Betonplatte verunmöglicht, das Einnehmen von Nahrung ebenso wie der Austausch von Gedanken und Worten, von Leben schlechthin (Großansicht).

Was wohl der Sinn dieser Arbeit sein kann? Was hat sie zu bedeuten? Der Künstler meint dazu: „Bedeutung kann in einem Kunstwerk aufgeschlossen werden, aber sie kann nicht als alleiniger Sinnträger ein Werk vor dem Druck der Zeit schützen. Ein Kunstwerk hat immer einen Anteil nicht entschlüsselbarer, verwehrender Aspekte. Der Betonquader hindert am Platznehmen, das stimmt, er entspricht in seinem Gewicht aber dem durchschnittlichen Gewicht von zwölf Personen. Die Arbeit streift verschiedene Assoziationen: Es könnte der Tisch des letzten Abendmahls sein, andererseits gehörten dazu dreizehn Stühle und nicht bloß zwölf. Was hier steht, hält sich also in der Nähe dieser Interpretation auf, entzieht sich ihr aber gleichzeitig. Der Betonquader erinnert vielleicht auch an eine Grabplatte. Es ist hier die Idee der Zukunftslosigkeit mitgedacht, die "no future"-Slogans der bleiernen 70er- und 80er-Jahre. Diese Idee schwingt in der Moderne eigentlich immer mit. Sie ist im Grunde ein Schatten der Moderne." (Eduard Winklhofer 2013 im Interview mit Antonia Veitschegger und Johannes Rauchenberger, Kulturzentrum bei den Minoriten, Graz)

Die Arbeit lebt durch diese Assoziationen. Sie lebt aus der Verbindung zum Menschen, der den Tisch und die Stühle für seinen Gebrauch und in Bezug auf seine menschlichen Dimensionen geschaffen hat. Die Betonplatte wirkt dazu unnatürlich, wie von einer überirdischen Macht aufgesetzt. Das Tischensemble hat dadurch seine Offenheit, seinen einladenden Charakter verloren und wirkt nun durch die Größe und die Last der Betonplatte wie ein verschlossener Komplex. Die Alltagstauglichkeit ist ihm damit genommen, es ist nun ein Schaustück, der mögliche Gast ein ausgesperrter, außen vor gelassener Betrachter. Als solches wird er gezwungen, neue Wege zu gehen, gedanklich und körperlich. Umwege. Die Betonplatte wirkt als Stein des Anstoßes, als Anregung, über die ungewöhnliche Kombination nachzudenken.

Nachfolgend drei mögliche Ansätze und Zugänge:

• Die an das letzte Abendmahl erinnernde Tischgruppe und die Nähe der Betonplatte zu einer Grabplatte lassen in dem Kunstwerk einen möglichen Altar sehen. Durch die Betonplatte hat der Künstler einen erhöhten Tisch geschaffen, um den eine sich in der vergegenwärtigenden Feier von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi versammelte Tischgemeinschaft sichtbar zu „Umstehenden“ wird. Mit dieser Arbeit würde der „Circumstante-Gedanke“ aus der liturgischen Bewegung und Erneuerung verstärkt Ausdruck finden.

• Durch die Verweigerung kann eine neue Wertschätzung der Tischgemeinschaft erzeugt werden. Gerade in unserer Zeit muss hinterfragt werden, welche „massiven Blockaden“ verhindern, dass Tischgemeinschaft gelebt wird. Die Betonplatte kann symbolisch für alles stehen, was Tischgemeinschaft verunmöglicht, z.B.: Arbeitszeiten, welche gemeinsame Essenszeiten schwer realisierbar machen. Mediale Angebote, welche von der direkten Begegnung mit dem Mitmenschen und der Austausch mit ihm ablenken. Individualismus, bei dem die Eigeninteressen höher gestellt werden als diejenigen der Gemeinschaft.

• Die Arbeit kann aus dem Aspekt der „Zukunftslosigkeit“ auch Anstoß sein, sich mit scheinbar blockierten Situationen auseinandersetzen, die Gegebenheiten genau anzuschauen und neue Lösungen und Wege zu suchen. Die Apostel waren nach dem Tod Jesu auch in einer blockierten, hoffnungslosen Situation. Symbolisch lastete eine große Betonplatte auf ihnen. Erst mit der Zeit erkannten sie die Zusammenhänge und erhielten sie den Mut und die Kraft, die Blockade zu überwinden und einen Weg zu gehen, der bis heute Menschen ermutigt, nicht aufzugeben.

Diese und weitere Arbeiten von Eduard Winklhofer waren 2013 in der Ausstellung "nichtvonmenschenhand" im Kulturzentrum bei den Minoriten, Graz zu sehen. --> ausführliche Informationen zur Ausstellung

Patrik Scherrer / 28.09.2013


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