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Hans Thomann
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Zwei Figuren , 2011

Holz, Kunststoff, © Hans Thomann
 
Jesus und Spider-Man

Spider-Man hält den Gekreuzigten in den Armen. Mit theatralischer Geste präsentiert Spider-Man auf seiner Brust und dem vorgestellten rechten Bein den Leichnam Jesu. Eine ungewöhnliche, ja verrückte Kombination. Zwischen den beiden Personen liegen Welten … und doch haben sie einiges gemeinsam. Einige Vergleiche mögen als Impulse für eine weitere Auseinandersetzung dienen:

Aussehen
Jesus ist bis auf das Lendentuch nackt. Er ist ganz Mensch. In seinen Handflächen und Füßen sind noch die Nägel zu sehen, mit denen er ans Kreuz geschlagen wurde. Er ist vom Kreuz abgenommen, doch seine Haltung ist die eines Gekreuzigten geblieben. Die Arme weit ausgestreckt, den mit Dornen gekrönten Kopf zu Seite geneigt, die Augen geschlossen, als würde er schlafen. Still „hängt“ er in den Armen von Spider-Man.
Alles an ihm ist offenbart, nichts ist verborgen.
Spider-Man hat ebenso eine Menschengestalt, die jedoch vollständig von einem Spinnenkostüm verhüllt ist. Auch das Gesicht ist hinter einer Maske verborgen. Nichts verrät, wer in der Haut von Spider-Man steckt. Im Vergleich zu Jesus demonstriert diese Figur Lebendigkeit und Stärke.

Substanz
Die Jesusfigur besteht aus Holz, einem natürlichen und nachwachsenden Rohstoff. Es passt symbolisch gut zum historischen Menschen Jesus, der in Israel zur Zeit des Herodes als Kind zur Welt gekommen und wie wir über die Jahre wir zum Erwachsenen herangereift ist. Das Material Holz verbindet ihn mit den Eckpunkten seines Lebens, der Kippe und dem Kreuz.
Die Figur des Spider-Man besteht hingegen aus Plastik. Das Material passt gut zur Kunstfigur Spider-Man. Er ist eine menschliche Erfindung der Sechzigerjahre, lebt also nur in den Comiczeichnungen oder in den gespielten Szenen der Filme über ihn. Ansonsten existiert er nicht.

Identität
Die Personen beider Figuren leben mit einer Doppelidentität. Jesus ist von Ewigkeit her Gottes Sohn, in der Zeit ist er der Sohn von Maria und Josef. Hinter Spider-Man steckt Peter Parker, der als Waise bei seiner Tante und seinem Onkel in New York lebt. Während Jesus die göttliche und die menschliche Natur gleichzeitig lebt, wechselt Peter Parker hin und her. Er kann nur sich selbst sein oder in der Verkleidung Spider-Man.

Kraft und Macht
Jesus spielt die Macht, die ihm von seiner göttlichen Herkunft her zukommt, nicht in einer unmenschlichen Überlegenheit aus. Er lebt vielmehr aus der Kraft der Liebe und wird darin ein Vorbild für alle Menschen.
Peter Parker entwickelt als Jugendlicher nach einem Biss von einer genetisch manipulierten Spinne Superkräfte, die ihn wie eine Spinne Wände erklettern, Fäden spinnen oder Gefahren frühzeitig erkennen lässt.

Retter
In den Figuren von Jesus und Spider-Man prallen die Sehnsüchte aus zwei ganz unterschiedlichen Zeiten und Welten aufeinander: Die Wahrheit des historischen Menschen Jesus versus der Fantasie der Kunstfigur Spider-Man. Es geht um Offenbarung und Verhüllung, um wirkliche Rettung durch Gottes Barmherzigkeit und illusorischem Wunschtraum, dass einer von uns durch ein Wunder zu Superkräften kommt und uns das Böse vom Leib hält. Doch während Jesus durch seinen Tod am Kreuz die ganze Welt von Sünde und Schuld erlöst, kann Spider-Man die Welt immer nur punktuell und virtuell von Bösewichten befreien.

Fazit
Als Betrachter können wir das Zusammenbringen dieser beiden Figuren als Spielerei abtun. Die beiden Figuren können aber auch Anlass zur Frage sein, auf was oder wen wir vertrauen, an was oder wen wir glauben. Es liegen Welten zwischen den beiden Figuren, auch in der Auswirkung dessen, wofür wir uns entscheiden.

Patrik Scherrer / 23.11.2013


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