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Eckart Hahn
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Anbetung der Könige
2011

Acryl auf Leinwand, 230 x 180 cm, © Eckart Hahn

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Im Glauben schauen

Bunt verhüllte Gestalten bilden eine Personengruppe, deren Anordnung an die Anbetung der Könige erinnert. Aber es sind keine Gesichter zu sehen, keine Hände, keine Füße – kein Jesuskind! Die Köpfe sind mit Einkaufstüten angedeutet und gleichzeitig unter ihnen verborgen ( große Ansicht). Genauso ist es mit den Geschenken der drei Könige. Bekleidet sind die Gestalten mit zerknitterten, glänzenden Umhängen, die an Schutzanzüge als auch an Geschenkpapier erinnern vermögen. Auf dem gelbgrünen Boden und vor dem schwarzen Hintergrund wirken die vermummten Gestalten wie eine moderne Bühneninszenierung. Bis auf das Plastikmaterial und die Werbeaufdrucke lässt sich die Darstellung weder zeitlich noch geografisch einordnen.

So ganz ohne Gesichter, Hände oder Füße mutet diese eingepackte Personengruppe unheimlich und gespenstisch an. Schmerzlich wird das Fehlen der individuellen Erkennungsmerkmale zur Kenntnis genommen. Irritiert über die Verfremdung und fast verzweifelt sucht das Auge nach Hinweisen, welche die einzelnen Gestalten den Personen zuordnen lassen, die aus vergleichbaren Darstellungen bekannt sind. Es kann doch nicht sein, dass die Anbetung der Könige zu einer Werbeveranstaltung verkommen ist und nur noch die Sponsoren, aber nicht mehr die ursprünglichen, wesentlichen, zentralen Personen des Geschehens zu sehen sind.

Die beiden Gestalten ganz rechts im Bild müssen Maria und Josef sein. „Maria“ trägt ein weinrotes Oberteil über einem dunkelgrünen Gewand und hält zwischen ihren Armen ein weißes Bündel. „Josef“, bezeichnender Weise in einem braunen Gewand, steht hinter ihr.

Den Platz des Jesuskindes markiert ein weißes Bündel, das dreieckförmig von links nach rechts aufsteigt und dessen unterer Zipfel pfeilförmig auf dem mit einer blauen Plastiktüte verhüllten Tisch nach unten zeigt. Das Gesicht des Jesuskindes ist mit einem Stoffwirbel angedeutet. Dieses symbolische Gesicht bildet in dreifacher Weise das Blickzentrum. Zum einen endet die runde, weiche Verbindungslinie der Köpfe von Josef und Maria an dieser Stelle, zum andern laufen die Verbindungslinien der Köpfe und Geschenke der drei Könige in diesem angedeuteten Gesicht strahlenförmig zusammen und heben es als visuellen Höhepunkt derart hervor, dass auch der Betrachter dorthin blickt und das Antlitz des Neugeborenen sucht.

Doch immer wieder ist die Enttäuschung groß, das göttliche Antlitz nicht schauen zu dürfen oder zu können.

Denn da sind die drei Gestalten der „Könige“, die mit „Gaben“ zum „Kind“ gekommen sind, sich ihm zuwenden, vor ihm „niederknien“, auf ihn „schauen“. Der erste „König“ ist ganz in Weiß gekleidet, eine blau verhüllte Gabe darbringend. Der „König“ hinter ihm trägt einen caramelfarbenen Umhang über einem violetten Gewand. Sein Kopf ist mit einer Ril…-Tüte verhüllt, sein Geschenk mit einer Coop-Tüte. Der dritte „König“ steht in zweiter Reihe und tritt in grün-braunen Kleidern auf. Seine Gabe trägt er in einer Edeka-Tüte. Man ist versucht, die traditionellen Gaben den einzelnen Gestalten zuzuordnen ... Leuchtet nicht in der gelben Tüte etwas vom Gold auf? Könnte das weiße Gewand des Knienden nicht in Verbindung mit dem Weihrauch gesehen werden, die Farben des zweiten „Königs“ mit dem Leiden Christi, so dass er der Überbringer der Myrrhe sein könnte?

Allein es bleiben die Vermutungen. Alles ist so verpackt und angedeutet, dass wir zu sehen glauben, gleichzeitig nichts von all dem Angedeuteten wirklich sehen. Die Verkleidungen wecken eine Erinnerung, verweisen auf ein weit zurückliegendes Geschehen, das nicht in unserem Sinne dokumentarisch festgehalten wurde und bewiesen werden kann.

Kritisch stellt das Bild mit Weihnachten und Dreikönig verbundene Traditionen auf den Prüfstand: gut ausgeleuchtet und medienwirksam inszeniert, so wie es sich für unsere Zeit gehört. Es knüpft mit der Verkleidung am Brauchtum der Sternsinger an, mit den Einkaufstüten an unserem weihnachtlichen Konsum- und Schenkverhalten.

Durch dieses geradezu schmerzhafte Vorenthalten von allem Menschlichen in einem Bild, in dem es wesentlich um den Menschen geht, ja um Gottes Menschwerdung, wird gleichzeitig die Sehnsucht stark, unter und hinter all den Verpackungen von Weihnachten das Menschliche zu suchen. Im Menschen hat sich Gott offenbart, sich im Menschenkind unseren Vorfahren zu schauen gegeben.

So wie die drei Könige werden wir Gottes Sohn auf dieser Welt nie schauen können. Es bleibt uns die Sehnsucht, der Glaube und die Hoffnung, ihm nach dem Tod zu begegnen und sein Antlitz schauen zu dürfen. Hier auf Erden bleiben wir Suchende seines Antlitzes. Und da, wo wir ihn im Glauben verhüllt in den Geringsten und Ärmsten unter uns finden, können wir ihn auch aus dem Glauben heraus schauen und ehren.

Patrik Scherrer / 06.01.2014


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