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Nicole-Félicia Brémond
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Fils et noeuds , 2012

Mischtechnik auf Büttenpapier, 42 x 60 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
 
Das Zarte und Feine

Je drei gebogene Elemente bilden zusammen eine Art Klammer. Unten scheinen die röhrenähnlichen Bogen abgeschnitten bzw. offen zu sein, oben abgerundet bzw. geschlossen. Vereinzelt sind schwarze Schattierungen zu beobachten. Die beiden „Klammerelemente“ schweben frei vor dem neutral-weißen Bildraum. Dadurch entziehen sie sich jeglicher assoziativer Vereinnahmung durch Ähnlichkeiten mit menschlichen Körperteilen wie Fingern oder Ohren. Durch ihre gegensätzliche Ausformung bildet der Raum dazwischen ein spannungsvolles Oval.

In diesen Innenraum fällt von der oberen Bildkante weg bis Unterkant der Klammern ein Linienbündel, das von seiner Feinheit, Unregelmäßigkeit und ungleichen Länge her an fallendes Haar erinnert. Feine Knoten verbinden einzelne Vertikale mit vier Horizontalen, die mit System unterhalb der Mitte an den bogenförmigen Elementen befestigt sind. So beginnt eine Linie links oben, durchschlauft die Umwicklung gegenüber, um dann links unten zu enden. Auf der rechten Seite ist die gleiche Bewegung von unten zur gegenüberliegenden Mitte zu beobachten. In allen Fällen werden sie von Umwicklungen gehalten, die gleichzeitig die Dreizahl der einzelnen Klammern zusammenzuhalten scheinen.

Durch die Verknotungen haben die Fadenkreuze minimal Festigkeit und Widerstandsfähigkeit erhalten. Denn das Linien- oder Fadenspiel bleibt ungeheuer fein und mutet wie bei einem Spinnennetz außerordentlich zart an. Voll innerer Spannkraft bildet dieses anmutige Fadenspiel die optische Bildmitte. Aus Distanz dominieren die seitlichen Begrenzungen und Halterungen. Aus der Nähe faszinieren die feinen Fäden und Kreuzungen, die zusammen ein Netz ergeben, ein Luftnetz (Detailbild).

Was dieses Netz wohl fangen oder einfangen soll? Ob es wirklich etwas mit dem Menschen zu tun hat, wie es die einzelnen Bildelemente andeuten? Verstärkt wird die These durch den zentralen ovalen Freiraum, in dem auch die Grundform eines Kopfes gesehen werden kann, dem die Bogen seitlich anliegen. Könnte das Linienbündel, das von außerhalb des Bildes zu kommen scheint, nicht auch etwas Immaterielles darstellen, das eben von einer anderen Welt in unsere geschaffene Welt hineinkommt und für unseren Kopf und Geist bestimmt ist? So etwas wie die Gnade, die Erleuchtung oder Begeisterung?

Die Arbeit deutet an und lässt viele Zugänge offen. Sie sensibilisiert für das unerhört Zarte und Feine in unserer Mitte, vielleicht sogar das Ungehörte und Unhörbare in unserer Welt, das sich zuerst mehr spüren als hören oder sehen lässt. Die Arbeit mag die Frage in uns wecken, was denn alles in unsere Mitte – wie auch immer wir diese für uns zu definieren vermögen – hineinfließt, was wir davon aufzufangen und mit unserem Leben zu verknüpfen vermögen. Ob auch etwas von Gott dabei ist?

Patrik Scherrer / 18.01.2014


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