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Thomas Hirschhorn
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Les quatre livres (La Torah, Holy Bible, Le Coran, le Dalaï Lama : L’art du bonheur) , 2005

Verschiedene Materialien (u. a. Holz, Karton, Tuch, Ketten, Anhängeschlösser, Schaumstoff, Hände aus Kunstharz und Keramik, Sprühfarbe, Klebestreifen)
Je ca. 140 x 200 x 150 cm
Foto: P. Scherrer, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
 
Gefesselt? – Entfesselt!

Wer unbedarft in den Raum mit diesem Kunstwerk kommt, begegnet zuerst einmal vier überdimensionalen Büchern, die von vielen Händen aus einer rot oder blau schäumenden Masse hochgehalten werden. Jedes Buch ist mit einer vierfachen Kette in Kreuzform umschlungen und mit einem Vorhängeschloss gesichert. Buchrücken und Frontseite weisen unmissverständlich darauf hin, dass es sich um die Heiligen Schriften des Judentums, des Christentums und des Islams sowie eines Buches des Dalaï Lama handelt. Gefesselte Bücher?

Thomas Hirschhorn provoziert bei mit dieser Arbeit viele Fragen und regt zum Nachdenken über das Buch der Bücher an:

Ist der Inhalt der Bücher so gefährlich, dass sie zugeschnürt werden müssen, damit ihr Wort nicht weiter wirkt? Doch das steht im Widerspruch zu den vielen Händen. Sie scheinen Menschen zu gehören, die in der überschäumenden roten – an Blut erinnernden – Masse ertrinken und als letzte Handlung gemeinsam die Heilige Schrift zu retten versuchen.

Gesellschaftskritisch gefragt: Sind wir eine untergehende Glaubensgemeinschaft? Versinken wir im Überfluss der überbordenden Konsumgesellschaft, welche uns das Leben kostet. Noch wird die Heilige Schrift hochgehalten, scheinen wir unser Leben für diesen letzten Wert einzusetzen ... doch das Buch, das weitergereicht wird, ... ist verschlossen.

Aber dann kann es seine Bestimmung nicht erfüllen. Ein verschlossenes Buch, ein Buch, das nicht geöffnet wird und nicht geöffnet werden kann, ist nur noch eine wertlose Attrappe. Doch das kann es nicht sein, die Menschenhände halten es in die Höhe! Das Kunstwerk könnte einen Aufschrei darstellen, dieses große, weil großartige Buch zusammen mit meinen Zeitgenossen aus den Händen der untergehenden Generation retten. Es ist ein Appell an uns, nicht tatenlos zuzuschauen, sondern aktiv zu werden. Das gekreuzigte Buch, das bereits wie in eine Grabplatte auf einer Gedenkstätte liegt, von seinen Ketten zu erlösen und aufzuschlagen, damit seine Worte wieder atmen können. Und durch unser Lesen werden die göttlichen Worte wieder lebendig werden und durch unser vom Heiligen Geist gelenktes Denken und Handeln die Gesellschaft erneut mit Leben erfüllen.

Nein, die Heilige Schrift ist weder ein Buch mit sieben Siegeln noch ein gefesseltes Buch, sie ist ein entfesseltes Buch! Wer ihre Worte liest und glaubt, geht nicht unter, sondern wird zum ewigen Leben auferstehen.

Patrik Scherrer / 09.07.2005


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