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Joachim Kögel
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Auserwählt , 2014

Öl auf Karton, 28,0 x 39,2 cm, © Joachim Kögel

 
Gesehen und geliebt

Das abstrakte Bild lädt ein, es über die hellblauen Flächigen in den Randbereichen zu betreten. Denn in der Mitte befindet sich eine weiß-gelbe Lichtung, darum herum bandförmige Elemente, die diesen Bereich mal geordnet wie ein Zaun mal in chaotischem Durcheinander umgeben. Es ist nicht klar, ob diese Elemente eine schützende Funktion haben oder von der Lichtung selbst verursacht wurden. Nur von unten her scheint ein Zugang zu diesem zentralen Bereich möglich zu sein, der wie eine Öffnung auf eine andere, dahinter, darunter oder darüber liegende Wirklichkeit verweist.

Die verschiedenen Elemente bilden kraftvolle Kontraste zueinander. Auch die fünf dunkelblauen Flächen, die sich im Kreis um die weiß-gelbe Lichtung gruppieren, gehören dazu. Sie stehen unentwegt miteinander im Dialog und bilden genauso Bereiche spannungsvoller ja fast explosiver Dynamik als auch Zonen der Ruhe und Entspannung.

Je länger man schaut, vermag man jedoch auch ein großes, formatfüllendes Auge zu entdecken, das nach rechts schaut. Das weiße Zentrum gibt dann die Linse wieder, die Bänder außen herum die Wimpern. Inmitten der hellblauen Farbe, die an einen klaren Himmel erinnert, entwickelt sich das Auge dann zu einem Himmelsauge, einer Öffnung im Himmel, aus der groß und aufmerksam in unsere geschaffene Welt hineingeschaut wird.

Diese Beobachtung eröffnet ganz neue Perspektiven. Dieses Gesehen zu werden bedeutet, dass ich nie allein bin. Da ist jemand, der mich sieht, im positiven Sinn ein Auge auf mich hat und über mir wacht. Und wenn jemand so etwas macht, dann muss ich ihm oder ihr viel bedeuten, er oder sie mich sehr schätzen, gern haben oder lieben. Vom Himmel her gesehen zu werden bedeutet dann weiter, dass Gott mich sieht. Er hat sein Auge auf mich geworfen, weil er mich liebt, ich ihm viel bedeute und in seinen Augen wertvoll bin. So wie er nach der Taufe Jesu zu allen gesagt hat: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“ (Mt 3,17) Der Evangelist Lukas verwendet anstelle des Wortes „geliebter Sohn“ „auserwählter Sohn“ (Lk 9,35). Denn wer geliebt wird, ist auch auserwählt.

Die moderne Interpretation des Auges Gottes erinnert uns die Gegenwart Gottes. In seiner Liebe zu mir ist er in meinen Beziehungskreis getreten, hat er sich mir nahe gemacht, sich mir angenommen und mich mit Gnaden beschenkt („begnadigt“). Er lässt „sein Angesicht über mir leuchten“ (vgl. Num 6,24-26), um mich zu beschützen und darauf zu achten, dass mir kein Unheil geschieht. Und dass Gott mich auserwählt und ein Auge für mich hat, bedeutet auch, dass er für das richtige Verständnis und Urteilsvermögen für mich hat. Ich kann mich ihm anvertrauen, mich ihm ganz überlassen und ihn machen lassen. Denn er hat ein gutes Auge (und Herz) für mich.

Umgekehrt schenken sein gütiger Blick und seine Wahl mir Geborgenheit und Gewissheit, ihm im Tode schauen, ja in die Augen schauen zu dürfen und ihm für seine unendliche Liebe danken zu können. Die helle Lichtung im Hellblau des Bildes ist diesbezüglich ein Lichtblick, der hoffen und ersehnen lässt.

Patrik Scherrer / 17.01.2015


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