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Nikodemus Löffl
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Festung Europa , 2013

Stacheldraht, Signalfarbe, Verbandmull, PE-Seil, ca. 80 x 80 x 10 cm, © Nikodemus Löffl

 
Aufforderung zu retten

Aus der Ferne ist das Kunstwerk ein Rettungsring, wie man ihn überall an den Ufern von Gewässern an Pfosten oder Hauswänden hängen sieht. Weit leuchtet seine signalrote Farbe, vierfach unterbrochen von breiten weißen Streifen, normalerweise in der Diagonale. Ringsum ein Seil, um sich besser daran festhalten zu können.

Aus der Nähe betrachtet entpuppt sich der vermeintliche Rettungsring als eine eingefärbte Stacheldrahtrolle, ironischerweise mit Verbandsmull zusammengebunden (Detailbild). Wer sie anfasst, verletzt sich, wer sich an ihren Seilen festhalten will, geht mit ihr unter. Denn dieser Ring ist bleischwer, er hat weder Schwimm- noch Tragvermögen, sondern zieht mit seinem Gewicht in die Tiefe.

So erinnert das Kunstwerk an die unzähligen Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten, deren Boot kenterte und seinen Passagieren in den Wellen und Stürmen des Mittelmeers den Tod brachte. Es erinnert an alle jene Flüchtlinge, die aus Seenot gerettet worden sind, nun aber, wie alle Flüchtlinge, die das rettende Ufer erreicht haben, die Stacheln der Behörden und viel Unmut und Unverständnis der Bevölkerung spüren.

Dieser Rettungsring symbolisiert eine trügerische Sicherheit. Der Ring wird nicht verwendet, um Menschen in Seenot zu retten, sondern um sich vor ihnen zu schützen, sie abzuwehren. Manchen Europäern kommt das Mittelmeer als großer Wassergraben der „Festung Europa“ sehr gelegen, sonst wären es noch mehr Überlaufer, noch mehr Flüchtlinge, die kommen würden, noch mehr Asylgesuche.

Eine leichte Drehung um 45 Grad brachte die weißen Bereiche eines Rettungsringes zudem in eine waagrechte und senkrechte Ausrichtung, so dass in ihnen ein Kreuz gesehen werden kann. Auch Assoziationen zum Heiligenschein von Jesus werden dadurch geweckt, da dieser sich mit der Kreuzform von den Heiligenscheinen anderer Heiliger abhebt, um an seinen Kreuzestod zu erinnern. Doch dieser Kreis umgibt keinen Kopf. Er ist leer in der Mitte. Dieser Rettungsring hat keine Verdienste, hat niemandem Heil gebracht, er ist scheinheilig.

Die Arbeit appelliert eindrücklich an unsere Hilfsbereitschaft und Menschenfreundlichkeit. Wir sollen die Grenzen nicht zu eng ziehen in unserer Angst und Sorge um unser eigenes Wohl. Der „Rettungsring“ von Nikodemus Löffl zeigt, wie wenig es braucht, um eine Idee, ein Verhalten ins Gegenteil kippen zu lassen. Ins Negative, aber auch ins Positive. Denn dieser „Negativ-Rettungsring“ ermutigt, wo und wem auch immer, der in Not ist, richtige, tragfähige Rettungsringe zuzuwerfen: „Rettungsringe“ in Form von Haltungen und Verhalten von uns, die sie aus der Verlorenheit der See in die Gemeinschaft zurückholen, die ihnen wieder festen Boden unter den Füßen schenken. Hilfeleistungen, die sie von Hunger und Durst, Kälte und Nässe erlösen.

Letztlich geht es um unsere Herzlichkeit, die ihnen über die temporäre Zuwendung und Anteilnahme hinaus Geborgenheit und eine neue Heimat schenkt. – Einen rettenden Ring herzlicher Wärme. Ganz in der Nachfolge Jesu, der uns durch sein Verhalten deutlich gezeigt hat, wie Gott jeden von uns grenzenlos liebt und in dieser Liebe umgibt und trägt.

Patrik Scherrer / 07.02.2015


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