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Christian Lippuner
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Minotaurus , 2014

Zeichnung und Malerei – in Öl auf Leinwand, ca. 130 x 170 cm. © Christian Lippuner
 
Der rote Faden ist gelegt …

Gastbeitrag von Bellis Klee Rosenthal

Die alten Mythen haben zentrale Aussagen über die Menschheit. Das Bild des Minotaurus von Christian Lippuner ist auf einer so tiefen Ebene anrührend, dass man es nur anschauen braucht – es ist alles drin. Obwohl nur ein Portrait, keine Ganzkörper-Darstellung – auf irgendeine geniale Art und Weise bringt es die ganze Tragik dieses Halb-Tier und Halb-Mensch rüber. Dieser Stierkopf hat etwas Menschliches und unendlich Trauriges.

Ins Leben gerufen durch ein Schicksalsverhängnis, die Rache der Götter, durch einen Ehebruch seiner Mutter; dazu verdammt, eine menschenfressende Bestie zu sein, allein, in einer Höhle zu leben … was für ein schlimmes Schicksal. Er hat nichts dazu getan. Gäbe es ein liebendes Wesen, das sich ihm nähert, müsste er es auffressen, zerstören.

Dann kommt einer, dringt zu ihm vor, mit einem Fadenknäuel und einem Schwert bewaffnet, aber nur, um ihn zu töten … Er ist blass, der Lippuner – Minotaurus, und sieht nicht aus wie kampfbereit. Eines seiner Hörner ist abgedreht. Sein Kampfesmut ist schon gesunken, er weiß, dass seine Tage gezählt sind. Vielleicht froh, bald von sich selbst befreit zu werden, aus dieser Verschlingung ins Verhängnis, in der er gefangen ist ... Verschlingung ist hier sein Wesen.

Das waren spontan meine Gedanken, als ich ihn sah ... verwundert! Aber auf den zweiten Blick verstehend … eine Metapher für die Menschheit?

Die Gier nach Liebe, nach dem Lebendigen, die im Mythos vom Minotaurus spricht, macht ihn zum Opfer seiner selbst. Am Ende steht er, mächtig aber verlassen, in der dunklen Höhle am Ende des Labyrinths. Und wird selbst getötet. Gibt das nicht die beste Metapher ab? Der Mensch ist so mächtig, dass er alle „Feinde“ beseitigen kann. Aber welchen Sinn hat das? Die Gewalt richtet sich am Ende gegen sich selbst, erschafft genau das, was sie am meisten fürchtet: die Einsamkeit, den Tod. Was für ein trauriges, verzweifeltes Wesen ist dieser Minotaurus! Ein Zwitterwesen, so in die Welt geworfen, kennt sich selbst nicht, muss auf immer seine Triebe ausleben ...

Der Befreier kommt von außen, der Mensch! Er will dieses destruktive Triebwesen (in sich?) abtöten. Er findet aus dem Labyrinth heraus mit dem roten Faden der Liebe. Die Liebe ist das, was uns aus dieser elenden, gewalttätigen Existenz den Ausweg gibt. Aber das (gegenseitige und selbstige) Töten muss ein Ende haben. Das ist der Unterschied zwischen dem Helden im Altertum und dem Heute: Denn inzwischen ist der Christus in die Welt gekommen …Christus lehrt die bedingungslose Liebe und das Vergeben. Auge um Auge, Zahn um Zahn – das ist vorüber.

Ja, über das Töten und Abtöten (auch unserer eigenen Schattenseiten) müssen wir hinauskommen. Denn im Grunde sind all diese Kräfte, auch die scheinbar bösen, ein Zugang zum Lebendigen, wenn man sie nur richtig nutzt: Zerstörung des "Feindes" ist der Versuch, sich das Lebendige einzuverleiben, das kann heute auf die geistige Ebene verlagert werden. Wut ist gut, sie enthält viel kreatives Potential. Hass will im Grunde Liebe, er entsteht aus Ohnmacht. Konkurrenzstreben offenbart das Streben nach Vollkommenheit … usw. Das alles sind doch Energien, und wir wissen heute genug über die menschliche Seele, um uns diese Energien nutzbar machen zu können. Christus hat uns übrigens aufgezeigt, wie wir da hinkommen können.

Der Minotaurus ist schon überwunden. Der rote Faden ist gelegt. Wie in vielen alten Märchen, in denen Verwandlung stattfindet (z.B. „Die Schöne und das Biest“) muss nur eine/r kommen, die/der die Abscheu und Furcht überwindet. Dann kann der verwünschte Tier-Mensch entzaubert werden.

© Bellis Klee Rosenthal, Galeristin und Buchautorin, Lüdenscheid

Patrik Scherrer / 21.03.2015


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