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Maria Maier
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Farbduft G1 , 2014

Fotografie übermalt aufgezogen auf Dibond unter Acryl, 60 x 80 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
 
Bild und Abbild

Fotografie und Malerei werden in dieser Arbeit einander zur Seite gestellt. Dadurch, dass die Lilie links angeordnet ist und die Malerei überlagert, steht sie im Vordergrund. Deutlich heben sich der das Bild vertikal querende Stengel und die drei seitlich abgehenden Blüten vom weißen Hintergrund ab.
Durch diese örtliche Entfremdung kommen die Linien, Farben und Strukturen der Blume verstärkt zur Geltung, gleichzeitig geschieht dadurch die notwendige Abstraktion, um mit der nebenstehenden Acrylmalerei eine Begegnung und einen Dialog auf Augenhöhe zu ermöglichen.

Den malerischen Part der Arbeit machen nur wenige Pinselstriche aus. Zwei grüne Linien öffnen sich nach rechts oben und geben dort den Raum für ein paar gelb-rote Linien frei. Auf den ersten Blick korrespondieren vor allem die Farben mit der Blume nebenan. Das Grün mit dem Stengel, die gelbe Farbe mit den Blütenblättern und das Rot mit den Staubbeuteln. Doch dann lassen sich auch in den Oberflächenstrukturen Parallelen entdecken, die schöne Harmonien ergeben. Auch die grünen Linien zeigen sich als eigenständige Interpretation des Stengelverlaufs und die gelben Pinselstriche entspringen der grünen V-Form wie die Blütenblätter der sich öffnenden Knospe.

Verwirrend mag anmuten, dass die fotografierte Lilie die Malerei überlappt und diese dadurch zu einem farblich passenden Hintergrund für die Lilie wird. Gérard A. Goodrow schreibt im Ausstellungsbuch Blütezeit dazu: „Realitätsebenen verschieben sich bzw. werden verschmolzen, so das die Grenzen zwischen Bild und Abbild, Natur und Kultur, Fotografie und Malerei verwischen und sich auflösen – es entsteht eine Symbiose, in der die Dualitäten nicht nur miteinander versöhnt werden, sondern miteinander verschmelzen.“ (S. 4)

Doch wie kam es zu dieser einzigartigen Symbiose und was vermag sie dem Betrachter zu sagen? Am Anfang steht die Begegnung der Künstlerin mit der Natur. Darauf basierend und durch sie inspiriert hat sie die zarte Farbkomposition gemalt. In einem weiteren Schritt wurden die echten Blüten und die abstrakten Kompositionen auf Papier zusammen als Stilleben-Arrangement abfotografiert. Das Resultat ist nicht einfach eine Vergrößerung der komponierten Realität. Das fotografische Abbild gibt den beiden Originalen – Blume und Malerei – nun eine gemeinsame Identität und dadurch eine weitere bzw. eine erweiterte Erscheinungsform auf Augenhöhe. Dem Verlust des Einzigartigen und Unterschiedlichen als auch der Vergänglichkeit steht durch die künstlerische Intervention der Gewinn einer neuen Originalität gegenüber, die sich durch eine untrennbare und unvergängliche Gemeinschaft auszeichnet, die sich unserem Zeitgeist entsprechend zudem unendlich vervielfältigen lässt.

Der künstlerische Prozess macht deutlich wie sich Bild und Abbild durch die menschliche Kreativität in einer stetigen Veränderung befinden. Das Bild sensibilisiert für natürliche als auch für die vom Künstler geschaffene Schönheit der Dinge, die durch die Vergrößerung in fast alle Einzelheiten sichtbar wird. Allerdings weckt die mehrfache Bearbeitung und die ausschnittweise Wiedergabe auch die Frage und die Sehnsucht nach ihrer natürlichen Größe und Ganzheit, Echtheit und Wirklichkeit. Denn so bruchstückweise unser Erkennen ist und wir uns mit Fragmenten der Wirklichkeit beschäftigen und umgeben, so können wir nur in der realen, ganzheitlichen Welt leben, in der alle Komponenten echt sind. Deswegen sind wir aufgefordert und biblisch gesehen auch berufen (Gen 1,27f), uns mit all unseren Fähigkeiten in die Gestaltung unserer Lebensräume einzubringen und sie in ihrer wertvollen und einzigartigen Originalität zu schützen und zu bewahren.

Patrik Scherrer / 30.05.2015


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