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Carola Faller-Barris
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Wandelaltar
2016

Holz, Styroform, Dispersionsfarbe, Stoff, Metallstangen und andere Materialien, 120 (L) x 27 (H) X 39 cm (B). © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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Geht hinaus zu den Menschen

Auf einem kleinen Tisch mit kurzen Beinen steht auf einer roten Samtdecke ein weißes Miniaturmodell des Petersdoms. Wie zwei Hände umfangen die Kolonnaden ein Vogelnest. In seinem Inneren befinden sich weiße Mullbinden, die so gewickelt sind, dass sie an weiße Rosen erinnern (Daraufsicht). Am Tisch befestigte Metallstangen mit Handgriffen an beiden Enden ermöglichen das Tragen des Tisches durch zwei Personen.

Neben dem transportablen Modell des Petersdoms bildet das proportional zum Architekturmodell übergroße Vogelnest den größten Blickfang. Braun und etwas zerzaust erhebt es sich über die so mächtig anmutenden Kolonnaden. Es bildet in seiner runden Schalenform ein Pendant zur nach oben gewölbten Kuppel als Symbol kirchlicher Macht. Im Gegensatz zum weißen Petersdom als Symbol der reinen und wahren Kirche, die wie eine außerirdische Erscheinung auf dem mit Goldbrokat besetzten Samt ruht, mutet das Vogelnest arm und schmutzig an (Detailansicht).

Doch es befindet sich in den Vorhallen der Kirche, gleichsam als Symbol für alle Armen, Obdachlosen, Hungrigen und Verletzten, die vor der Kirche stehend diese um Erbarmen und Hilfe bitten. Dabei geht es nicht nur um die amtlichen Kirchenvertreter, sondern um alle Gläubigen. Das Vogelnest mit den Mullbinden stellt die Einladung dar, unsere „Throne“ und „Paläste“ zu verlassen und mit den Werkzeugen der Barmherzigkeit zu den Armen in unseren „Welten“ zu gehen und ihre Wunden zu verbinden. Wir sollen die „Kirche“ mit unserem Gehen zu ihnen zu tragen und ihr durch unser Kommen und Handeln das Gesicht Jesu Christi wiedergebend. Papst Franziskus hat dies mit der Metapher der „Kirche als Feldlazarett“ auf den Punkt gebracht. Die Kirche muss dort hingehen, wo die Menschen "leben, wo sie leiden, wo sie hoffen", sagt er. Die Aufgabe der Kirche sei nicht, zu verurteilen, sondern Barmherzigkeit zu üben.

Der Titel der Arbeit – Wandelaltar – spannt damit den Bogen zuerst zum gotischen Retabel, das seinen Platz hinter dem Altar hat und durch Umklappen der verschiedenen Tafeln Bilder nach Vorgaben des Kirchenjahres zeigt. Der Wandelaltar war aber auch der Ort der Wandlung par excellence, weil sich auf der Altarmensa in der hl. Messe die Wandlung der Hostie in den Leib Christi vollzog. In der heiligen Kommunion an die Gläubigen gereicht wandelte Gott ihre Schwächen in Stärken, um zu den Bedürftigen gehen zu können. Hier knüpft das Kunstwerk an. Wie die alttestamentarische Bundeslade mit dem Volk wandelte und umherzog, so tragen die Gläubigen Gott in sich und bringen ihn in die Welt. Darüber hinaus bringt die Arbeit die Sehnsucht vieler Menschen zum Ausdruck, dass sich das (Selbst-)bild der Kirche wandeln soll. Statt durch Machtsymbole soll die Kirche durch heilende Tätigkeit in der realen Welt in Erscheinung treten und sich somit dem von Papst Franziskus geprägten Begriff der „Kirche als Feldlazarett“ angleichen.

Patrik Scherrer / 19.11.2016


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