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Julian Sagert
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Moses , 2016

Ex 3-4 / Sure 20,1-23, Bronze, Stein, Wachs, 21 x 21 x 150 cm, © Julian Sagert

 
Mosestab

Auf einem langen, dünnen Holzstock ist leicht schräg ein flacher Bruchstein aufgesetzt. Dieser helle Stein ist gleichzeitig Sockel für ein weiteres, diesmal dunkles Element, das plastisch geformt ist. Es ragt versetzt zum dünnen Stab in die Höhe, was der Skulptur eine besondere Spannung verleiht (Großansicht).

Die Skulptur vereinigt viele Eigenschaften von bekannten Objekten in sich und geht doch weit darüber hinaus. Sie verwendet Elemente eines Wanderstockes oder auch eines Hirtenstabes und lässt an die geschmückten Bischofsstäbe denken. Mit seinem starken doppelten Abschluss am oberen Ende verbindet die Skulptur sich aber auch mit archaischen Hoheits- oder Herrschaftszeichen, wie es in kleiner Form auch Zepter sind.

Der Stab sieht aus wie der Stamm eines jungen Baumes. Frisches Wachstum und jugendliche Strebsamkeit strahlt er aus. Seine Oberflächenstruktur mit den Wölbungen der abgeschnittenen Äste lassen an ein echtes Holz denken (Detail). Und doch ist er aus Bronze gegossen, was bedeutet, dass das Material gleichsam durch das Feuer gegangen ist und darin geläutert worden ist. Es hat gewissenmassen die Feuerprobe bestanden und ist erstarkt daraus hervorgegangen. Mit einer Stabilität, die wesentlich größer ist als beim Holz.

Diesbezüglich kann der aufrechte Stab für Mose stehen, der in der Wüste beim Hüten der Schafe von einem brennenden Dornbusch fasziniert zu diesem hingegangen war und dort Gott begegnet ist (vgl. Ex 3,1-6). Der Stein mag an die Wüste erinnern, das aufragende dunkle Element an die Manifestation des brennenden Dornbuschs. Dabei steht die Wüste symbolisch auch für die innere „Wüste“ des Mose, der abschließende Stein auf dem Stab auch für die innere Blockade des Mose, die jedes weitere Wachstum verhinderte. Der brennende Dornbusch und die unerwartete Gottesbegegnung bedeuten dagegen neues Leben und damit verbunden einen ganz neuen Auftrag: „Führe mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten heraus!“ (Ex 3,10).

Für die Darstellung des Dornbuschs hat der Künstler Wachs verwendet, das er mit seinen Händen zu einer aufragenden Stele geformt hat. Sie ist damit in der Begegnung zweier Hände entstanden. Sie stellt den Hohlraum zwischen ihnen dar, den Abdruck dieser beiden Hände an sich tragend (Großansicht). Symbolisch bleibend steht sie für die Begegnung von Gott mit Mose und erinnert an sie. Und doch ist diese Erinnerung durch das leicht schmelzende Material Wachs gefährdet. Sie muss gepflegt und geschützt werden, damit sie nicht wie Wachs in der Sonne vergeht.

Darüber hinaus verweisen die beiden Abdrücke auf betende Hände (vgl. Dürer) als Ausdruck des inneren Sammelns und der geistigen Verbindung mit Gott. Und ist es nicht diese innere Kraft, diese unzerbrechlichen Zusagen Gottes „Ich bin, der ich bin“ (3,14) und „Ich bin mit deinem Mund und weise dich an, was du reden sollst“ (4,12), welche Mose die Autorität verliehen haben, so zu handeln wie er gehandelt hat? Der Stab ist zum Zeichen dieser Verbundenheit und Führungsstärke geworden: „Diesen Stab nimmt in deine Hand! Mit ihm wirst du die Zeichen vollbringen.“ (4,17) Von nun an ist Mose und sein Volk nicht mehr allein, denn Gott geht als ihr Führer, Retter und Beschützer mit ihnen.

Am Anfang wollte Mose nicht. Er suchte alle möglichen Ausreden, um nicht von Gott in den Dienst genommen zu werden. Auch daran erinnern der Stab und die Handabdrücke. Denn als erstes Zeichen verwandelte Gott den Stab von Mose in eine Schlange und wieder zurück. (4,1-5) Und als zweites Zeichen ließ Gott eine Hand von Mose vom Aussatz befallen und machte sie danach wieder rein, damit die Israeliten Mose glauben sollten, dass Gott ihm erschienen ist. Darüber hinaus verweist der Bronzestab durch sein Material auf die eherne Schlange (Num 21,4-9). Danach schickte Gott Schlangen unter die Israeliten als Strafe für die Ungeduld, Undankbarkeit nach dem Auszug aus Ägypten und der Auflehnung gegen ihn. Wer gebissen wurde und zu der an einem Stab aufgerichteten ehernen Schlange aufsah, wurde geheilt und konnte so weiterleben.

Mit drei ganz einfachen Materialien und Elementen ist dem Künstler ein einzigartiges Kunstwerk gelungen, das in sich Tradition und Moderne, Materielles und Spirituelles, Profanes und Religiöses vereinigt. Ein ermutigendes Zeichen der Gegenwart und der Führung Gottes - auch in unserem Leben.

Patrik Scherrer / 21.01.2017


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