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Reinhild Gerum
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Ich konnte nicht mehr reden vor Angst , 2007

3 Kugeln, Eisendraht verzinkt, Milchglasscherben beschrieben, Stretchfolie, Ø je 70 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
 
Geschützte Verletzung

Kunstwerke kommen oft eigenartig daher, besonders, wenn sie etwas Neues erzählen oder auf etwas Besonderes hinweisen wollen. So muten die drei großen, aus Eisendraht geformten und mit Stretchfolie umwickelten Kugeln seltsam an (Bild2). Wäre da nicht jeweils eine Öffnung an der Oberseite, wären wir auf Vermutungen über ihren Inhalt angewiesen.

Doch so wird sichtbar, dass die Folie ein sperriges Drahtknäuel umwickelt und ihm Halt und Schutz gibt. Oben auf liegt jeweils eine große beschriebene Milchglasscheibe. Was zum Lesen preisgegeben ist, erschreckt (Detail). Drei Frauen erzählen von ihren sexuellen Vergewaltigungen und wie sie mit den seelisch-körperlichen Verletzungen umgehen. Sie erzählen traumatisiert, wie sie auf das Kind wider Willen mit Abtreibung, Selbstmordversuchen oder der Geburt des Kindes reagieren. „Ich lief weg, fand einen Prügel und stieß mich immer wieder in den Bauch – ganz lange. … bis ich nicht mehr konnte.“ – „Ich konnte gar nicht reden vor Angst.“ – „Ich zeigte allen meinen herrlichen, immer größer werdenden Bauch, aber ich erzählte niemandem, dass es der Sohn des Allerhöchsten war, der da wuchs.“ Ihre Worte lassen spüren, wie Verzweiflung, Angst bzw. die Verklärung des Geschehenen ihre ständigen Begleiter geworden sind. Die Künstlerin Reinhild Gerum schreibt dazu: „Um überleben zu können, verschließen Frauen ihre Schrecknisse in der Tiefe ihres Seins und können jahrzehntelang völlig unauffällig leben, obgleich ein solches Erlebnis prägt und niemals aufhört zu wirken.“ (Zeichnung und Installation, 2012, S. 32f)

Mit diesem Wissen kann das Drahtgeflecht als Symbol für das Leben, das durch die Vergewaltigungen unentwirrbar durcheinander gekommen ist und jeden Halt und jede Orientierung verloren hat, gedeutet werden. Die Plastikfolie ist dann eine Art Notverband der Angst, der Scham oder der Verklärung, damit das Schreckereignis nicht sichtbar ist.

Die Installation wirft ein Licht auf all die Frauen, die mit den Verletzungen einer Vergewaltigung verborgen unter uns leben. Sie sensibilisiert darüber hinaus unseren Umgang mit dem Mitmenschen. Wir wissen nicht, was sich im Innersten des Anderen verbirgt, welche Verletzungen er oder sie aus der Vergangenheit in und mit sich trägt. Die Installation ist eine Aufforderung, achtsam und sorgsam, wertschätzend und aufbauend mit dem Menschen mir gegenüber oder neben mir umzugehen. Haben wir als Christen nicht den Auftrag, in jeder Situation das Gute zu suchen und durch unser Reden und Handeln auch zu bewirken?

Patrik Scherrer / 04.02.2017


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