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Helmut Kästl
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Der brennende Dornbusch
1987

Tempera / Harzöl auf Leinwand, 130 x 90 cm
Große Kunstausstellung 1987, Haus der Kunst, Katalog Nr. 735, © Helmut Kästl

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Der brennende Dornbusch

Wie Moses vom brennenden Dornbusch fasziniert war und sich ihm näherte, so fordert diese außergewöhnliche Gotteserscheinung immer wieder neu Künstler zu ihrer Darstellung heraus. Auf seine ihm eigene Weise hat sich ihr Helmut Kästl zugewandt. Da ist kein loderndes Feuer zu sehen und der Dornbusch lässt sich aus den wenigen dürren Zweigen mehr erahnen als sehen. Dafür steht eine feuerrote Scheibe im Vordergrund, gleichsam auf einer Bühne, wo gerade die Vorhänge für den Beginn der Aufführung zurückgezogen werden.

Ein starker Auftritt wird da dem interessierten Betrachter offenbart, der sich wie Moses diesem Dornbusch nähert. Gott erscheint einem Menschen mitten im Leben, als er gerade in der Steppe seine Schafe hütet. Weil es wesentlich um die Gotteserscheinung geht, hat der Künstler den Dornbusch in eine feurig rote Kreisform gestellt, dem Symbol für die Unendlichkeit und Fülle Gottes. Der bewegte Pinselstrich lässt mich die Glut der göttlichen Liebe spüren – und ihre Anziehungskraft. In ihrem Schein errötet die Erde, nimmt sie die Farbe desjenigen an, der „da ist“ (Ex 3,14), mitten unter uns gegenwärtig. In der gleichen Farbe leuchtet der Himmel, der die Dreifaltigkeit symbolisierend in drei waagrechte Schichten mit angedeuteter Mitte aufgeteilt ist. Und in gleicher Weise will das göttliche Licht auch uns erleuchten.

Die Begegnung mit diesem Bild will uns nicht indifferent lassen. In dieser Darstellung öffnet sich Gott uns, von leidenschaftlicher Liebe erfüllt. Wie damals liebt Gott sein Volk und hört er, wie die Menschen um Hilfe schreien. Ich kenne sein Leid. Ich bin herabgestiegen, um es der Hand der Ägypter zu entreissen ...“ (3,7c-8a)

Das Bild kann uns sagen, dass Gott zu uns Menschen gekommen ist, um uns wie Moses in seine Nähe zu rufen und uns eine ganz persönliche Aufgabe anzuvertrauen zur Linderung der vielen Leiden und Unfreiheiten. Voraussetzung ist eine gegenbildliche Offenheit zur Offenheit Gottes, die ein Hören mit dem Herzen ermöglicht. Vielleicht geht es uns dann ähnlich wie Moses und wenden ein: Ich? Wer bin ich denn! Wie kann ich das machen? Doch Gott wird auch uns antworten: „Ich bin mit dir.“ (3,12)

Könnte nicht die feuerrote Scheibe mit dem Dornbusch darin als Bild dafür stehen?

Sind wir nicht wie der vergängliche Dornbusch, der von Gottes liebender Gegenwart umgeben und getragen wird, ohne uns zu verzehren?

Patrik Scherrer / 15.11.2003


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