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Harald Kille
[Künstlerwebsite]

Geißelung
2001

aus der Werkgruppe „Gewalt der Welt“
Öl / Collage auf Leinwand, 200 x 160 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017


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Geißelung

Eigentlich ist auf diesem Bild nichts Christliches zu sehen. Allein der Titel „Geißelung“ könnte auf einen vom Künstler beabsichtigten Zusammenhang mit der Geißelung Jesu hinweisen (Mt 27,26-30). Die unscharf dargestellten Gewaltszenen mögen eine Verständnis- brücke bilden.

Das Bild ist in drei Ebenen gegliedert. Die dunklen Farben wie die rechts vom Bildrand eingeschobene Begrenzung verbinden die obere und die untere Darstellung. Oben stellen zwei Polizisten mit Helm und Atemschutz gerade einen Mann mit erhobenen Armen an die Wand. Was er wohl verbrochen hat? Hat er vielleicht etwas mit dem weißen Plakat hinter seinem Kopf zu tun, das zu einer Demonstration gegen die Obrigkeit aufrufen könnte?

Schwarz und gelb eingerahmt, wird in der darunter liegenden – von rechts her eingeschobenen – Szene ein Mann von zwei Polizisten abgeschleppt. Nur die Füße und Beine sind klar zu erkennen. Hatte er den Mut, in einer Kundgebung das Unrecht der Mächtigen anzuklagen?

Links davon schaut eine in Umrissen gemalte kniende Frau den Betrachter an. In ihrer Nacktheit ist sie unseren Blicken bloßgestellt. Die Ehebrecherin kommt mir in den Sinn und die Worte Jesu: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe als erster einen Stein auf sie.“ (Joh 8,7).

Wo die Mächtigen sich nicht selbst getrauen, Gewalt auszuüben, da senden sie Soldaten aus, für sie in den Krieg zu ziehen und mit Gewalt ein Land zu erobern oder ein Recht durchzusetzen.

Stellenweise tropft auf dem Bild die Farbe wie Blut herunter. Die einzelnen Szenen sind wie mit dem Pinsel geschlagen, gegeißelt worden. Gewalt und Folterung wurden auf das Bildmaterial übertragen und lassen verstärkt spüren, dass nicht nur körperliche Gewalt den Menschen geißelt, sondern auch ethische Diskriminierung und Machtmissbrauch. Das Leid kennt vielfache Formen.

Das Bild lässt mich nachdenken über die Grausamkeiten der Menschen, die ihre eigenen Rechte und Gesetze durchsetzen wollen. In den Worten des Psalmisten höre ich den Hilferuf der Unterdrückten und Geschlagenen: „Gott, freche Menschen haben sich gegen mich erhoben, die Rotte der Gewalttäter trachtet mir nach dem Leben; doch dich haben sie nicht vor den Augen. Du aber, Herr, bist ein barmherziger und gnädiger Gott, du bist langmütig, reich an Huld und Treue. Wende dich mir zu und sei mir gnädig, gib deinem Knecht wieder Kraft, und hilf dem Sohn deiner Magd.“ (Ps 86,14-16)

Das Bild lässt in mir auch die Frage nach der Gewalt in der Kirche aufsteigen, wo es auch vorkommen kann, dass im Namen Gottes eigene Interessen verteidigt werden. Letztlich stellt das Bild an mich Fragen: Wo marschiere ich mit, klage ich im Kollektiv, ohne zu hinterfragen, Menschen an und mache ich mich mitschuldig? Wo bürde ich Schwächeren – wie auf dem Bild kaum sichtbar – ein Kreuz, eine Last auf durch meine Rechthaberei, mein Beharren auf meinen Rechten, weil ich nicht Toleranz und Erbarmen übe?

Jesus sagt dagegen: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit finden.“ (Mt 5,7)

Patrik Scherrer / 05.03.2005


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